Von Trauer, Loslassen, Festhalten und Glück

Wenn ich meine einjährige Tochter ansehe, die -als wäre ein Knoten geplatzt- praktisch seit ihrem ersten Geburtstag nur noch läuft, bin ich beinahe ehrfürchtig, gegenüber dem Leben, der Unplanbarkeit des Seins und des sich Bewusstwerden des vorhandenen Glücks.
Nachdem was uns passiert ist, nach diesen drei Fehlgeburten nach einander, nach all der Angst, der Trauer, dem Schmerz und der sich ausbreitenden Hoffnungslosigkeit, sind ebenso nach einander drei Kinder auf diese Welt gekommen, die eine mehr, die andere eine weniger holprige Schwangerschaft, aber im Grunde sind sie alle drei gesund und munter gelandet- wie man so schön sagt, wobei munter oder lebendig mir das wohl Wichtigste ist…
Es gleicht einem Wunder, dass ich das erleben durfte und darf, nachdem ich an so einem Punkt in meinem Leben war, der alles verändert hat.
Ich weiss, dass viele Paare Schlimmeres erleben, aber an diesem Punkt in meinem Leben war ich auch davor selbst aufzugeben, es gab diesen einen Moment, in dem die Endgültigkeit und Leere mich so einnahmen, dass ich selbst nicht mehr leben wollte und meinen (Lebens-) Traum, mein Bild von mir, meine Persönlichkeit als Grossfamilienmama dahinschwinden sah, meine Identität verloren glaubte, dabei war ich nicht bereit all das aufzugeben, ich wollte mich daran festhalten, ich verging an dieser Ohnmacht, einer mir aufgezwungenen Machtlosigkeit, gefangen in Passivität und einem Meer von Gedanken, die nirgendwo endeten.
Es gab schmerzliche Worte, die sich in dieser Situation ohne äusseren Schutzpanzer, ohne Haut nach all den Jahren in mein Innerstes eingefurcht haben- wie ein nur verheilter Bruch, den man immer noch sehen kann, bin ich einmal ganz zerbrochen, zersplittert und habe mich wieder zusammen geklebt oder zusammen gepuzzelt und auf Heilung gewartet, ein erstes echtes Lachen- als wären wir nicht dankbar genug, für das vorhandene Glück und nun nach all den Jahren, es ist mittlerweile beinahe sechs Jahre her, dass ich mich von der letzten Seele verabschieden musste, spreche ich auch nicht mehr soviel darüber…
Aber diese Erinnerungen sind da, haben mich für immer verändert, unsere Familie zu der gemacht, die sie ist und ich bin dankbar und stolz zugleich, dass wir es immer wieder gewagt haben und ich heute nach drei Sternenkindern, quasi drei Regenbogenkinder geboren habe, die ich über alles liebe und von denen ich damals nicht zu träumen gewagt hätte, damals als alles ungewiss war und niemand wusste, ob zu Vieren überhaupt noch mal jemals ein weiteres Kind dazu käme, die Verzweiflung so gross war, dass wir uns haben untersuchen lassen… ich weiss, dass ich dankbar sein kann, dass ich immer allein schwanger werden konnte und nicht auf die Hilfe Dritter angewiesen war, dass uns soviel erspart blieb, aber es ist unsere Geschichte und hier durfte drei Mal mehr das Glück einziehen, auch wenn die die fehlen, nie vergessen werden und wir sehr offen damit umgehen…
Aber auch darum tue ich mich nach wie vor schwer, mit diesen so lieb gemeinten Fragen, ob wir denn noch eines wollen oder wir uns komplett fühlen?! Ich habe noch kein Bestellformular gefunden, auch gibt es keine Auswahloptionen, ob ein drittes Mädchen schöner wäre, als ein erneuter Junge, auch den Zeitpunkt kann man nicht gut planen, wenn man erlebt hat, dass nicht alles geradlinig planbar ist.
Wenn man erlebt hat, dass all die guten Gedanken, die man sich gemacht hat, alle Ideen die man hatte, alle guten Gründe keine mehr sein durften…
Wie fühlt sich komplett an? Wo fängt die Vernunft an, wo hört die Sehnsucht auf?!…
Das sind Gedanken, die ich auch habe, wenn aus meinem kleinsten Baby, ein Kleinkind wird…
Es gibt Tage, da fühle ich mich voll gefüllt und da ist dann kein Platz mehr für noch mehr Gedanken um einen Menschen, den ich liebe und an anderen Tagen ist das Herz so weit und offen und noch so viel Liebe, Hoffnung und Gedankenplatz da…

2 Responses to “Von Trauer, Loslassen, Festhalten und Glück”

  1. Elisabeth Says:

    ja und genauso oder ähnlich könnte ich das auch unterschreiben. Und auch mir fällt eine Antwort oder auch nur die Frage nach dem „Komplettsein“ oder dem spöttischen „wann das nächste?“ sehr schwer bzw. trifft mich irgendwie… ich glaube ja mittlerweile, dass wir Großfamilienmütter uns nie so richtig komplett fühlen werden, wir haben die Türen viel zu weit aufgemacht, haben unser Herz viel zu groß werden lassen vor lauter Mutterliebe… da lässt sich nicht schnell mal ein Zaun drum ziehen…Vernunft hin oder her… ja wo fängt die eigentlich an?
    alles Liebe für Euch,
    Elisabeth

  2. Mama Magie Says:

    „Wie fühlt sich komplett an? Wo fängt die Vernunft an, wo hört die Sehnsucht auf?!…“

    So, so schön! ❤️

    Und genau das denke ich auch mit meinen bisher vier wundervollen Töchtern.