Vorhin in der Altstadt half mir eine ältere Dame beim Aussteigen aus dem Bus mit den
Kinderwagen. Sie konnte den unhandlichen Wagen vielleicht nicht mit anpacken, aber meinen
Sohn vorm Bus festhalten. Sie passte auf, dass er nicht noch mal auf den Bus zu geht, was er
meiner Meinung nach nicht tun würde, aber da ich das nur glauben kann, war ich froh um ihre
Hilfe. Der Bus fährt gern einfach mal zügig los und da er nicht richtig in die Haltebucht stehen
kann im Augenblick, auf Grund der WM-Umgestaltung der Altstadt, steht man sehr nah oder
tatsächlich auf der Strasse.
Nach dem wackeligen Ausstieg, bedankte ich mich herzlich bei der Dame, worauf sie den
Kopf leicht schräg legte und sagte: “Sie wissen aber schon, dass ich ihr Kind grad angefasst
habe?!” Ich stotterte irritiert und mit leichtes Schmunzeln ob der kessen Dame, dass das ja
Sinn machen würde, wenn man ein Kind festhält, damit es nicht wegläuft. “Aber letztlich
hat mich eine Mutter geschimpft, weil ich ihr Kind angefasst hab!” Und irgendwie fiel da ein
Groschen bei mir.
Ist das wirklich so schrecklich? Sicher früher fand ich das auch ganz schrecklich: Der
Schutzraum des Kindes wird verletzt. Wird er das aber wirklich, fragte ich mich heute? Sicher
noch letzte Woche schimpfte der Gatte, weil Toms Wange gestreichelt wurde und drohte beim
nächsten Mal zurück zu streicheln. Aber ist es wirklich, wirklich so schlimm? Wir reden hier
über eine Generation, die das so kennt und praktiziert. Ein plötzlicher Wandel der Gesellschaft,
macht das Berühren eines Kindes zu einem Übergriff. Ganz nüchtern, sind es oft einfach nette
ältere Damen, die vielleicht einsam sind, Kinder gern mögen, speziell das, was gerade vor
ihnen sitzt und möchten es berühren, vielleicht aus einem liebevollen Moment? Wissen wir
heute wie wir uns verändern werden mit der Zeit? Haben wir eine Ahnung wie sich das
anfühlt, die sich verändernden Finger, die Haut? Wie fühlt sich das später wohl an so an ein
Baby oder Kind zu berühren?
Es geht um mehr. Um Abgrenzung. Wir möchten das Kind beschützen. Aber braucht es das?
Oder müssen wir uns abgrenzen in solchen Augenblicken und sind wir als Eltern die, in deren
Schutzraum eingedrungen wird? Ganz klar muss ich sagen, dass ich in der Vergangenheit,
Gegenwart und in der Zukunft sicherlich auch noch, oft davon ausgehe meine Kinder zu
beschützen, dabei geht es in diesem Momenten um mich. Um meine Betroffenheit in bestimmten
Situationen. Darum wie ich mich fühlen würde, gefühlt habe und fühle. Ich werde also sauer,
bin verletzt, traurig, weil den Kindern etwas fehlt. Aber eigentlich fehlt mir etwas. Kann es in
dieser spezieller Situation nicht auch so sein? Das es den Kindern egal ist? Aber uns nicht? Wollen
wir unsere Kinder vielleicht beschützen, obwohl sie das gar nicht brauchen? Und wie oft dringen wir,
weil wir denken wir müssten, in den Schutzraum der älteren Menschen ein, einfach nur um zu
Helfen? Wir berühren sie am Arm, nehmen sie an die Hand, nehmen ihre Taschen, ihren Rollator in
unsere Hände. Aus den Augen dieser Menschen gesehen, ist das gar kein Übergriff, weil sie
selbes täglich erleben müssen. Weil sie uns brauchen.
Und der Zweck? Wir wollen und wünschen uns so sehr für unsere Kinder, dass sie im richtigen
Augenblick laut und deutlich “Nein” sagen. Fangen wir doch selber bei uns an. “Gib der Mama
einen Kuss zum Abschied!” Akzeptieren wir immer ein “Nein”?!