Ich war mit den Gedanken immer noch bei Noah, als Tom im Bus einfach vor Müdigkeit einschlief,
während ich versuchte den wackligen Kinderwagen, das sperrige eben von der Post abgeholte Paket
auf dem Wagen und Tom im Sitz festzuhalten. Sofort sprang das Hirn an. Wie sollte ich den tief
schlafenden Tom und den Wagen samt Paket aus dem Bus bekommen? Ich lief zweimal und hoffte,
der Busfahrer würde nicht losfahren wollen mit meinem schlafenden Kind im Sitz. Ich war müde,
angestrengt, besorgt und mittlerweile mittags auch kraftlos. Ich wollte also den Wagen gerade den
Berg einhändig zu unserem Haus hochschieben, während Toms kleiner Kopf an meinen Brustkorb
gesunken war- als eine Frau mir entgegen kam, die den Berg eigentlich runter wollte. Sie fragte mich
gleich wo ich wohne und bot mir an den Kinderwagen nicht nur ein paar Meter, sondern bis vor
die Haustüre zu schieben. Ich war so unglaublich dankbar für ihre Hilfe! Und wir unterhielten uns
total nett, wenn auch kurz. Und bevor sie ging sagte sie noch, dass sie eigentlich einen ganz
anderen Weg gehen wollte und es einfach Schicksal war, mich zu treffen. Sie sollte mir helfen.
Gott würde sie stets dahin geleiten, wo sie gebraucht wird, ähnlich den Pfadfindern jeden Tag eine
gute Tat. Das war mehr als nur gut. Das war heute der hellste Sonnenschein, den es gab! Ein
Geschenk in zweierlei Hinsicht. Denn nicht nur diese Geste berührte mich, sondern auch was es
in mir machte. Ich bin ein sonst sehr positiv eingestellter Mensch, ich fühle mich selten argwöhnisch
beäugt und erlebe auch viele schöne Sachen mit meiner Kinderschar, aber in den letzten Tagen
fühlte ich mich sicherlich auch durch meine Stimmung oft Fehl am Platz, beobachtet und missbilligt.
Diese Begegnung tat mir unheimlich gut und führte mich ein Stück weit auf den Weg zurück, von
dem ich eigentlich komme…
wachse ich. Auch ohne meine Kinder. Meine Kinder gaben mir Halt und zwangen mich zu leben,
auf zu stehen, zu atmen, weiter zu machen auch wenn man nicht mehr kann, mit ihnen wachse ich,
aber auch ohne sie.
Als Teenager oder junge Frau, die ich ja eigentlich noch bin, also als Kinderlose hatte ich
Depressionen. Schlimme. Sehr schlimme mit ein paar unschönen Extras. Noch heute ist das definitiv
etwas mit dem ich zu kämpfen habe, wenn Probleme auftauchen. Da es schlicht nur eine Art ist mit
schwierigen Situationen umzugehen oder eher wie man sie erlebt. Erdrückend. Schwer. Bleiern.
Lähmend. Immer öfter verfalle ich in solchen Zeiten in einen gesunden Aktionismus. Die Grübelei
konnte ich bis heute nirgends loswerden. Aber etwas tolles ist es zu erleben, wie man sein Verhalten
verändert hat. Wie man sich selbst aus einer sich allein und ausgeliefert fühlenden Situation befreit.
Heute morgen nach Noahs Sturz war ich durch den Wind. Wir wollten doch eigentlich zum Kleinkind-
Turnen, aber ich musste entscheiden, was jetzt mit Noah passiert. Reicht kühlen? Muss er zum Arzt?
Muss er Heim? Kann er hier bleiben? Gehen wir überhaupt noch zum Turnen? Ich entschied mich
spontan noch zum Sportverein zu Fahren, auch wenn wir zu spät da sein würden. Und dort
angekommen, redete ich. Ich öffnete mich. Und da ist der Fortschritt. Natürlich gibt es noch immer
Momente, in denen ich stumm werde, mich zurück ziehe. Nicht reden will, mich am Telefon verleugnen
lasse, aber wenn dann nur noch kurze Zeit, mittlerweile führt mich mein Weg nämlich genau
da raus. Zu den Menschen. Ich rede. Ich mach mir Luft, ich muss nicht mehr alles mit mir allein
ausmachen. Und ohne großes Drama, erzählte ich von dem Unfall, von meinen Sorgen und davon,
dass ich dringend Ablenkung brauchte… und Zeit für die schönen Dinge… Denn das Leben ist kurz
und Kleinigkeiten bringen einen so unfassbar schnell aus der Bahn in ein Chaos. Ich genoss den
Tag umso mehr. Saugte meine Kinder ein, aber freute mich genauso über die Zeit hier auf der
Couch allein, um alle meine Gedanken nieder zu schreiben…
Ein Sohn, der auf dem Weg in den Kindergarten auf das Gesicht fällt. Und trotzdem weiter in den
Kindergarten läuft, wo sich dann erst heraus stellt, dass er am Haaransatz eine riesige Beule hat
und knapp an einer Platzwunde vorbei schrammte. Einer, der unglaublich tapfer ist.
Ein Sohn, der in der Eiseskälte auf den kurzen Beinen tapfer läuft und läuft und läuft, Kilometer
um Kilometer, dann turnt und erst vor Erschöpfung im Bus einschläft und um am Nachmittag wieder
erneut zu laufen und zu laufen.
Ein Sohn, der sich am Tag mehrere Male erst durch die Kälte kutschieren, von vielen ihm fremden
Frauen herumtragen, bei vielen Kindern ablegen, dann wieder herum schuckeln und sich am
Nachmittag Stunden glücklich auf dem Boden ablegen lässt, um am Abend allein im Bett einzuschlafen.
Im Augenblick gibt es hier und da ein großes weites Rauschen in unserem Leben und dieses
Rauschen schlägt Wellen in alle Bereiche.
Ich fühl mich oft klein in den letzten Tagen. Wie ein Winzling. Ich hab das Gefühl meinen Job nicht
mehr so richtig gut zu machen und hinterfrage mich oft. Sorge mich. Ich kämpfe noch, vielleicht
sollte ich einfach damit aufhören mit den Armen zu rudern und das endlich annehmen, es so
nehmen wie es eben gerade ist. All die Verzweiflung und die Wellen annehmen und nicht versuchen
weiterhin alles so gut machen zu wollen wie immer, als wäre nichts. Muss man denn immer alles
gut machen? Und da wellt es so herum in meinem Kopf. Wie schlimm ist dieses und jenes, eigentlich?
Sollten mich die Erwartungen Dritter überhaupt interessieren? Egal. Nicht mal darüber sollte ich
grübeln. Zeitverschwendung. Irgendwie. Und dennoch. Ich fühl mich winzig im Augenblick. Winziger.
Mein Selbstbewusstsein bekommt Risse. Und weicht einem Argwohn, einem sich beobachtet fühlen
und nicht gut genug sein. Fragt sich nur für wen, für mich oder irgendjemand Dritten…
Wenn man ein Taxi dazu benutzt eine Kuschelpuppe von einem Vorort in den anderen 20km entfernt
zu fahren, weil man ohne Auto über 3 Stunden unterwegs wäre, um sie zu holen.
Der Gatte nennt es nicht skurril, sondern kreativ, ökologisch vielleicht bedenklich aber positiv für die
deutsche Wirtschaft.
wenn ich erst Minuten nach ihm ins Bett gehe, weil ich erst noch im Dunkeln in eine Decke gehüllt
am geöffneten Fenster stand, er kurz erwacht, wortlos meine Hand nimmt und sie fest, aber sanft
hält, in der Dunkelheit, in der Stille, ich ganz arg schlucken muss, mich zur Seite drehe und er seine
Hand bestimmt und schützend auf meinen Rücken legt…
zwei Jahre ist es her, dass ich diesen Tag so verfluchte. Ich hatte Sehnsucht nach dir. So sehr. Und
ich wollte dich endlich im Arm halten. Und dann ging alles so schnell. Du bist ein Geschenk, kleiner
Mann. Du bist mein Ü-Ei. Ein echtes, kleines Ü-Ei. Und ohne dich, was wären wir da? Du bist so
wundervoll. Du bist eine laute Quasselstrippe. Du bist frech. Du hast das tollste Grinsen, dass ein
Kind haben kann. Und du kannst so böse schauen, dass man es gar nicht glauben kann. Liebster
Tom, du erzählst uns schon seit Monaten Romane. Mittlerweile singst du schon Lieder mit und
redest wie die Großen. Und du kommandierst mich gut herum. Hast du dir auch prima abgeguckt:
“Kommst du her, Mama!” Du bist unheimlich liebevoll zu deinem kleinem Bruder und dann wieder
ganz ungestüm. Du bist einfach du. Du reißt mit. Dein Lachen steckt an, dein Grinsen, dein verschämtes
Herumdrehen, dein beherztes “Hallo” wenn du einen Raum betrittst, dein Gesang, deine Geschichten.
Alle Lächeln, wenn sie dich sehen- zu recht! Manchmal wenn du abends in deinem Bett stehst, legst
du den Kopf schief und grinst. Und genau in diesen Momentan habe ich das Gefühl, du wüsstest
um die Wirkung. Du und ich- wir sind mittlerweile doch ein gutes Team, wie wir hier am Vormittag
den Laden schmeißen. Du machst mit mir die Wäsche, du backst auch hin und wieder mit mir. Du
kochst mir in der Kinderküche was zu essen und manchmal randalierst du einfach nur. Vorallem
wenn du sauer bist. Und da sind wir uns doch wieder ähnlich. Manchmal fliegen eben die Fetzen. Du
bist einfach genau richtig. Laut und leise. Fürchterlich anhänglich und dann wieder wegstoßend. Laut
lachend und brüllend. Liebevoll und manchmal böse. Du bist perfekt. Und ich geb dich nie mehr her!
Ich lese seit einer Stunde herum und bin ganz weg in Gedanken, ich versuche zu greifen, was ich
fühle, aber das ist gar nicht so einfach. Ich bin glücklich, glücklicher geht es nicht, so verrückt
gewesen zu sein. Es war einfach Schicksal. Du gehörst einfach hier her zu uns, zu deinem Papa und
mir und den anderen Mini-Monstern. Ich liebe dich so sehr!