Einschulung 4.0

September 25th, 2016

Es war beinahe so, als hätten wir Jahre auf diesen Tag gewartet, im Grunde war es vielleicht ein Jahr…
Wir hatten Ben zurück stellen lassen und am Ende das Gefühl, dass ihm dieses eine Jahr noch soviel gegeben hat. Jetzt nach den beinahen ersten zwei Wochen bestätigt sich das nur noch mehr. Unser Sohn hat seinen allerersten Geburtstag wirklich gefeiert und das erste Mal in seinem Leben Kinder dazu eingeladen und wurde außerdem sogar schon von seinem Paten in der Schule zu einer Party eingeladen, zu der der Papa ihn vorhin fuhr… Das schüchterne Kind wuchs über sich hinaus und tut es noch… Kognitiv fehlte es ihm nie an irgendetwas, im Gegenteil. Zwar kann er noch nicht lesen, worüber ich ja ein wenig froh bin, weil er das Schreiben und Lesen nun wirklich von einer Fachkraft erlernt, aber er kann als Erstklässler zum Teil schon multiplizieren, dank seiner fordernden Geschwister.
Am Ende des Kindergartenjahres hielt ich eine Rede, ich sprach darüber dass Abschied und Neubeginn sich begegnen würden, darüber dass unsere Kinder Platz machen für die neuen Kindergartenkinder, über das gewachsene Selbstvertrauen unserer Kinder und das Loslassen müssen unserer Vorschüler durch uns Eltern und das Vertrauen, dass wir unseren Kindern entgegen bringen würden, indem wir sie in den Schulalltag entlassen… An diese Zeilen dachte ich am Tag der Einschulung. Im Taxi zur Schule wenige Minuten vor der Einschulung dachte ich daran, wie wir das erste Mal vor dieser Schule standen, um Zoe los zu lassen und Ben noch ganz klein war, so alt wie Anton heuer…
Als Ben dann dort vorn auf diesem Stuhl vor der Bühne saß und wir ja ein kleines Grüppchen waren mit Oma und den zwei Kleinsten, weil die Großen bereits im Unterricht saßen, in dem Moment als ich Tom erblickte, der gleich für seinen Bruder und die anderen Erstklässler etwas aufführen würde, wars vorbei und ich musste ganz schlimm kniepern. Immer wieder suchte Ben einen von uns, aber es war so voll, dass er uns, unseren Blick nicht fand, als die Kinder dann ohne ihre Eltern, aber mit ihren Paten in die Klassen gehen sollten, rannte ich wie eine Bekloppte zu ihm und drückte ihn ganz feste und wünschte ihm alles Liebe für diesen nächsten Schritt. Er wirkte kurz erleichtert, mich zu sehen und ich konnte beruhigt nach Hause fahren, nach ein zwei Stunden holte die Oma die vier Schulkinder aus der Schule ab und wir aßen gemeinsam mit Opa zu Mittag…

Am Nachmittag nach dem Papa noch etwas gearbeitet hatte, die ersten Hausaufgaben in diesem Schuljahr geschafft waren, rafften wir uns auf und fuhren noch in die Schwimmhalle. Wo Zelda das erste Mal im Wasser war und leider im Anschluss aus Leibeskräften schrie, weil sie dann irgendwann total ko war und das war ich dann auch, so kurz nach dem Urlaub, aber auch stolz und froh und glücklich und Ben hat es total gefallen und das war am Wichtigsten… Seitdem haben wir nun vier Schulkinder… Wir große Kinder, die am Mittag zu uns nach Hause kommen und ihren Schulalltag gemeistert haben… ♥

Meerweh

September 18th, 2016

Ich vermisse das Meer. Seit exakt einer Woche sind wir hier und der Alltag hat mich dank Schulstart und Einschulung einfach wieder mitgerissen, es ist nicht leicht, da den Kopf über Wasser zu halten…
Vor allem wenn man auf den eigentlich besten Urlaub aller Zeiten zurück blicken kann. Ich weiss nicht ob oder wann wir jemals so gigantisches Wetter gehabt haben könnten, aber es hat wirklich so gut wie nie geregnet. Gar nicht, es war warm, gerade in der ersten Woche beinahe zu heiss, wir waren täglich unten am Strand und genossen das Nichtstun. Bis auf ein paar Besuche an der Promenade und einen Kinobesuch an selbiger, waren wir nie weg. Kein Tierpark, Schwimmbad oder Besuch in Neustadt, es war einfach nicht nötig, denn wir wollten ja das schöne Wetter ausnutzen, dass dann kein Schlechtes kam, konnte ja keiner ahnen.
Zwar muss man sagen, dass wir die erste oder fast ersten eineinhalb Wochen an einem mitgebrachten Magen- Darmvirus litten, aber nachdem gerade bei Anton und mir, die mit dem schlechtesten Immunsystem, das schlimmste Überstanden war, und das war gar nicht witzig, wurde es nur besser. Gerade in der letzten Woche waren die, die gern im Wasser waren auch zwei bis drei Mal schwimmen am Tag, obwohl es gerade gegen Endes des Urlaubs deutlich kühler wurde… Wir genossen also Strand, Sonne, Schwimmen, Sauna und irgendwann auch wieder Schokolade…
Ich genoss meine Eltern, die auch vier Tage in einer Pension Auszeit machen und meine Schwester und Nichte mitgebracht hatten. Ab und an konnte ich lesen und am späten Abend etwas entspannen. Besonders waren ein kleines Feuer am Strand und auch die wenigen Fahrten mit dem Motorboot. Nachdem Noah einmal mit dem Optimisten soweit abgekommen war, dass er einen weiten Fussweg nach Hause hatte, war ihm die Freude an diesem kleinen Boot abhanden gekommen. Am vorletzten Wochenende stieg das Wasser so hoch, die Wellen reichten bis zur Uferschutzanlage, dass beinahe das Motorboot weg gewesen wäre… Die Gezeiten, die Rauheit der Natur und auch die Abwechslung der Tage, das Reißen der Wellen am Körper, der Sand, den das Wasser zurück zum Strand bringt- all das beeindruckt mich jedes Jahr aufs Neue und verliert nie seinen Reiz. Ich liebe das sehr… Es gibt eigentlich kaum etwas schöneres als im Wasser zu treiben, den Blick auf den schier endlosen Horizont gerichtet und da ist einfach nichts nach links und nichts nach rechts, einfach nur unendliche Weite oder das Glitzern der Sonne auf dem sich sachte bewegenden Wasser, die Sonne, die am Nachmittag zwischen den Häusern steht und einen beinahe blendet, während es alles in Goldtöne hüllt…
Und gerade in den letzten Tagen, wenn ich mit Zoe und Ben im Wasser war, Anton vom Ufer aus ungeduldig nach mir rief und Nils die kleinen Füße von Zelda zaghaft ins Wasser hielt, packte mich die Wehmut…
Das nächste Mal, wenn wir hier sind, würde Zoe schon Zwölf sein, fast schon Abschiednehmen von der Mittelstufe an unserer Schule, ebenso wie Tom, der Abschiednehmen würde aus der Grundstufe, Noah wieder von Freunden, die die Schule wechseln und Ben würde mal eben fast fertig sein mit seinem ersten Schuljahr, während wir nun der Einschulung entgegen fieberten, Emil würde schon fast ein Vorschulkind sein und Anton in den letzten Monaten oder Wochen kurz vorm Kindergartenstart und Zelda schon ein Jahr alt, das war dann doch ein bewegendes Gefühl… Dadurch das sich dieser Ort kaum verändert, eine solche Beständigkeit hat, fällt genau dort extrem auf wie schnell die Kinder groß werden und wie viel eigentlich in einem Jahr passiert…

damals™- Teil 2

September 2nd, 2016

In Berlin zurück kämpfte ich mit mir. Ich saß in der Schule und schrieb: “Ich könnte schreien, so unglücklich bin ich. Ich habe Angst. Mein Leben scheint nie zu funktionieren. Alles was ich bis jetzt begann, brach zusammen. Ich möchte weinen, möchte nach Hause.” Ob mich die Schule glücklich machte, das Richtige für mich sei, damit musste ich mich auseinander setzen. Mich zerfraß die Frage, ob es ein Davonlaufen wäre, wenn ich nicht weiter machen würde. Je länger wir zusammen waren, desto mehr stellte sich die Frage, wer wohin ziehen sollte. “Am liebsten den ganzen Scheiß hier hinschmeißen und weg ziehen.” Soviel Energie, die ich statt für die Schule und meine neue Aufgabe, für meine Gedanken, fürs Sortieren, mich fragen wohin ich eigentlich will, benötigte.
Unser Leben bot zwischen Berlin und München zu viel Distanz. Distanz, die mir vielleicht Angst machte. Angst davor, unserer frischen Liebe könnte ihr nicht gewachsen sein. Denn genau genommen wuchs sie, begann erst zu wachsen, unsere Liebe.

Zum 40. Geburtstag meines Vaters Endes August kam Nils extra nach Berlin. Und war am Bahnhof kurz irritiert, weil ihm ein brünettes Mädchen mit Kurzhaarfrisur und Kleid entgegen kam, um ihn mitzunehmen. Ich war aber die Gleiche, nur mein Äußeres hatte sich verändert. Meine Eltern lernten ihn so das allererste Mal kennen und meine Mutter glaubte sofort, er sei der Richtige für mich. Sie war sich ganz sicher und ich fragte mich die ganze Zeit woher sie diese Sicherheit nahm. Dabei fand ich ihn nach wie vor umwerfend, aber mich machte die Zuneigung meiner Eltern gegenüber diesem fremden jungen Mann sprachlos. Schon auf dem Heimweg in meine Wohnung und dort bei mir zu Hause verstrickten wir uns immer tiefer in große Fragen, für und wieder unserer Beziehung, ich hielt mich nicht für eine Person mit der man unbedingt zusammen leben sollte. Und dennoch stand genau diese Frage im Raum. Wie sollte es bloß weiter gehen?
Die Freude ihn bei mir zu haben, gab sich die Klinke in die Hand mit der Traurigkeit darüber, dass er wieder abreisen würde.
Nur ein paar Wochen später flog ich nach München und lernte Nils Familie endlich kennen. Seine Mutter und seine Schwester holten mich vom Flughafen ab, was für mich ganz seltsam war, ich kannte sie ja nicht und sie mich nicht, das Bindeglied war Nils und der war nicht da, sondern arbeiten. Abends stieß Nils zu uns und wir unterhielten uns mit und ohne seine Eltern, verbrachten die Zeit, die uns blieb mit einander. In diesen Tagen, genau genommen am 15. September 2002, ein Jahr nach meinem Auszug bei meinen Eltern ging Nils in seinem Zimmer vor mir auf die Knie und fragte mich allen ernstes, ob ich seine Frau werde würde wollen. Vor Schreck antwortete ich nicht sofort, ich dachte erst einmal nur “Weiß er eigentlich worauf er sich da einlässt?” Ich fühlte mich zu kompliziert, kaputt, vielleicht sogar beschädigt, aber er wollte mich genau so. Und weil ich ihn so sehr wollte, sagte ich natürlich “Ja.” Überwältigt, glücklich, überrumpelt war ich, schaute dann schon mal nach Hochzeitskleider im Netz um mir die Zeit und die Gedanken zu vertreiben. Unglaublich er mit mir- eine Hochzeit?! Nils wollte noch in diesem Jahr an Silvester heiraten, ich dachte nur ein bißchen mehr Zeit für Planung wäre nicht schlecht. Den ganzen Tag hatten wir hin und her überlegt wie wir es seinen Eltern sagen könnten, davor hatten wir ziemlich große Scheu. Wie würden sie wohl reagieren? Ich glaube abends, als wir uns dann runter zu seinen Eltern auf die Terrasse getraut hatten, war seine Mutter erschrocken, wenn nicht schockiert über diese Neuigkeit. Sie hatte mich gerade erst das erste Mal gesehen und ich sollte ihre Schwiegertochter werden? Das Mädchen mit dem Bindi zwischen den Augen, ohne Job, ohne Ausbildung? Es muss wahnsinnig verführerisch gewirkt haben, dass ich ein Teil dieser Familie werde. Mir den geliebten Sohn ausgesucht hatte und er sich mich, das kam wohl alles etwas zu schnell. Sein Vater sagte nur etwas von Zielen, auf die man hinarbeiten könnte. Aber ich glaube für ihn war das alles weit weg, eine Hochzeit, eine Ehe nichts was sofort passieren würde.
Obwohl ich im Nachhinein verstehen kann, warum der Jubel bei seinen Eltern ausgeblieben war, machte das was mit mir. Ich war nicht so erwünscht, wie andere Mädchen es vor mir gewesen waren und das wusste ich natürlich. Aber letzten Endes war es zwischen ihm und mir auch etwas ernstes, vielleicht änderte das alles. Und auch wenn das für mein Selbstbewußtsein mehr als unzuträglich war, war wohl noch schmerzlicher, dass man sich am Ende wünscht, das die eigenen Eltern hinter einem stehen und Träume mit träumen. Sich da abzunabeln als Kind, weiterhin eigene Ziele verfolgen, ungeachtet dessen, was die Eltern denken, ist gar nicht so einfach.
Wenn mein eigenes Kind heute vor mir steht und mit dem Nachbarkskind herum knutscht und verkündet, es müsse genau dieses heiraten, dann bin ich auch ganz dafür auf dieses Ziel hinzuarbeiten.
Nichts desto trotz sei erwähnt, dass unsere beiden Eltern uns beim Umzug mit Rat und Tat zur Seite standen. Die ganze Zeit über.
Zurück in Berlin versuchte ich alle Angelegenheiten zu regeln. Da Nils nur noch ein Jahr vor sich hatte, sein Studium zu beenden, stand für mich die Entscheidung fest, dass ich nach München ziehen würde, auch wenn er für mich nach Berlin gekommen wäre, aber das kam nicht in Frage. Das wäre einfach nur dumm gewesen. Die traurige Wahrheit war, ich hatte in Berlin bis auf meine Familie und Freunde nichts, das mich hielt.
Trotz aller Freude über diesen Antrag blieb da Angst, ihn nicht genug zu lieben, ihn nicht zu verdienen. Eine wundervolle, harmonische Beziehung nicht zu verdienen, die ich manchmal mit meinen Grübeleien zu verstümmeln schien: “Ich kann schwer mit Glück umgehen oder mit dem Gefühl glücklich zu sein, denn ich war es bisher so gut wie nie.” Dabei wünsche ich mir nichts mehr als ein normales Leben, brauche nur etwas Zeit, kämpfe aber gleichzeitig gegen die Hoffnungslosigkeit wegen meiner schulischen und beruflichen Erfolglosigkeit.
Als ich wieder zurück bin, klingelte es und meine erste Liebe, die aus dem Dreieck stand vor meiner Tür. Das konnte doch nicht sein, meine Freundin war gerade an Telefon und sprach mir Mut zu, ich glaube sie war genauso aufgeregt wie ich, neigte ich doch in der Vergangenheit dazu sofort Feuer und Flamme zu sein, wenn er einen Schritt auf mich zu machte. Ich zitterte am ganzen Körper, hatte ihn Monate lang nicht gesehen und ich wußte nicht was er wollte, obwohl ich es ahnte. Er versuchte mich gefühlt umzustimmen von hier weg zu gehen, es glich einer Prüfung für mein Herz. Aber die Monate hatten nichts bei ihm verändert, es blieben die gleichen Sätze, die seinen Mund verließen und ich konnte sie nicht mehr hören, denn ich war nach all der Zeit eben nicht mehr dieselbe. Ich wollte das so nicht mehr, es war zu spät. Es war nicht so das er mir egal war, aber zwischen uns, das würde nicht funktionieren, hatte es noch nie. Es hatte nicht gereicht. Als er ging und mir im Hausflur wieder nur einer dieser verknoteten Sätze sagte, von wegen ich wüsste ja selbst, an wessen Seite mein Platz sei, bin ich mir nur noch sicherer, mit welchem Mann ich zusammen sein möchte. Genau jetzt wirkte es nur noch richtiger. Nils und ich- wir wollten das Gleiche. Wir taten einander gut. Warum Nils?- Ich hätte tausend Dinge aufzählen können, die uns verbanden, so viele Gemeinsamkeiten, so viele Zeichen, aber für das was ich empfand, wenn ich ihm in die Augen schaute, gab es keine Worte, es blieb etwas Besonderes, Magisches und Vertrautes.
Ich feierte meinen 19. Geburtstag in Berlin und fuhr einen Tag später wieder zu Nils runter. In diesen Tagen suchte und fand ich eine Ausbildungstelle als Arzthelferin in München, obwohl das Lehrjahr schon begonnen hatte. Außerdem fand ich in einem Freund einen Nachmieter für meine Altbauwohnung und zusammen mit Nils eine gemeinsame Wohnung für uns zwei. Vielleicht waren wir etwas schnell mit der Entscheidung, aber wir wollten die Gunst seiner Eltern nicht überstrapazieren. Zwei Zimmer mit Balkon, schönem renovierten Bad und Nachtspeicheröfen sollten unser Zuhause sein.
Zurück in Berlin mit allem, was wir für einen guten Start in ein gemeinsames Leben brauchten in der Tasche, packte ich meine sieben Sachen, ließ meine sperrigen Möbel zurück und verließ am 28.10.2002 Berlin für immer, doch schweren Herzens und zog für wenige Tage zu Nils Eltern nach Bayern, in einen Münchner Vorort. Ein von Nils’ Mama spendiertes Umzugsunternehmen holte meine paar Habseligkeiten. Wir feierten Heides Geburtstag und ein Stück weit auch ihren beruflichen Wiedereinstieg zusammen, packten auch seine Sachen und zogen am nächsten Morgen, am 1. November in unsere erste gemeinsame Wohnung bei München nach einundachtzig Tagen Beziehung. Waren wir schnell? Ich weiß es nicht. Aber es fühlte sich gut an, es tat sich was. Und von nun an konnten wir jeden Abend nebeneinander einschlafen und wieder aufwachen. Endlich.
In der Wohnung taten sich neue Probleme auf. Wie ziehen zwei junge Menschen zusammen, die noch nicht lange zusammen sind? Wir hatten einen Mix aus Möbeln und jeder bekam vorerst einen Raum für sich, aber im Laufe der nächsten Monate zogen und schoben wir Möbel von einer Ecke zur anderen. Zwischen all dem Kram, den jeder in die Beziehung mitgebracht hatte, suchten wir uns als Paar.
Außerdem prallte auf einander, dass ich bereits einen Hausstand gehabt hatte und trotz meinem Hang zur Unordnung, viele Dinge wusste. Ich konnte mich allein versorgen, ich konnte einkaufen, Wäsche waschen, all diesen Kram. All diese Dinge konnte Nils nicht, weil das Können dieser, bisher nicht nötig gewesen war. Seine Mutter hatte ihn sehr behütet groß gezogen und so mußte er mühsam mit einer kritischen und ungeduldigen Frau an seiner Seite all diese Dinge erst nach und nach erlernen. Einmal schickte ich Nils zum Einkaufen, er sollte ein paar Dinge fürs Wochenende einkaufen, er hatte keine genauen Anweisungen, weil ich dachte, er würde schon wissen, was wir so normaler Weise essen. Zurück kam er mit Tütensuppen, statt Brot und Auftrich. Ein anderes Mal kam ich in den Keller und wunderte mich leicht, dass dieser tolle Mann unsere ungewaschene, sprich dreckige und deshalb trockene Wäsche fein säuberlich auf dem Wäscheständer aufgehängt hatte.
Zusammen laufen wir gleich in die nächste Falle. Wir lassen einander nicht mehr los. Ohne uns zu bewegen. Wir sind eine Symbiose eingegangen, wie zwei in einerander verschlungene Bäume. Dank meiner hier weiter geführten Verhaltenstherapie kann ich fiel von dem sehen und langsam angehen. Aber auch das braucht Zeit, Zeit die sich auch in die Rillen unserer Beziehung absetzte. Denn so schnell wie ich hier Fuß gefaßt und eine Ausbildung begonnen hatte, so schnell hatte ich auch diese Stelle verloren, weil ich auch hier noch zu kämpfen hatte mit mir, mit dem Schlafen, mit dem Aufstehen. Ich schwänzte die Berufsschule und als das ans Licht kam kurz vor Weihnachten, entliess mich mein Chef. Alle Versuche mich zu erklären scheiterten, er blieb bei seiner Entscheidung, Ehrlichkeit wäre für ihn das Allerwichtigste. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich weinte auf dem ganzen Weg nach Hause und hatte das Gefühl im falschen Film zu sitzen, das durfte alles nicht sein. Schreckliche Vorwürfe machte ich mir, aber Nils fing mich bedingungslos auf und sprach mir Trost zu. Alles was ich erreicht hatte bis hierher, hatte mich wahnsinnig viel Kraft gekostet. Nun musste ich mich wieder aufrappeln. Meine Therapieziele blieben weiterhin das raus aus dem Rückzug in schwierigen Situationen und das Aufnehmen eines geregelten Tagesablaufs.
Unser erstes Weihnachten verbrachten wir getrennt. Irgendwie fühlte sich diese Lösung für dieses Jahr noch richtig an, also flog ich nach Berlin zu meinen Eltern und meiner Schwester und er feierte unten bei seinen Eltern und seiner Schwester. Nach den Feiertagen waren wir wieder vereint und es sollte auch das letzte Weihnachten sein, dass wir getrennt von einander verbringen wollten.
Da ich meinen Ausbildungsplatz verloren hatte, ging nur noch Nils arbeiten und ich blieb zu Hause, was uns wieder Steine in den Weg legte. Er war müde am Abend, ich wollte reden- an mir, uns und unserer Beziehung arbeiten. Während diesen Gesprächen schlief er regelmässig ein oder sagte generell nicht viel dazu, mein Therapeut nannte das “stillen Protest”. Ich fand das nur ganz schlimm. Mit meinen vielen Kopflichkeiten, für die ich tagsüber sehr viel Zeit hatte, blieb ich also allein. Ich hasste es, ihm beim Schweigen zu zu sehen, denn ich hatte das Gefühl nicht vorwärts zu kommen, vielleicht projizierte ich von meinen inneren Zerrissenheiten auf uns. Ich hatte viel von mir und meinen Depressionen mit in unser Miteinander gebracht. Auch wenn ich hin und wieder, das Gefühl hatte ausschließlich eine Beziehung mit mir allein zu führen, was nur ein Gefühl war, lachten und liebten wir weiterhin viel, lernten uns weiter kennen, pflegten Hobbies, trafen und luden Freunde ein, Lasen. Kurz wir lebten ganz normal. Unterbrochen von Streitereien, bei der einer von uns entweder filmreif einschlief oder theatralisch weglief. Auf jeden Fall hatte ich zu viel Zeit und mich der Wohnung verschreiben, die zwar wie schon in Berlin nicht immer sauber und ordentlich war, dafür aber eine Seele hatte.
Ende März fuhren wir beide nach Berlin, um meine Eltern und Freunde zu besuchen. Wir hatten auch da Streit, was aus heutiger Sicht wohl alles andere als schlimm ist, aber in dem Moment war es das. Wie wir uns im Kreis drehten wegen Kleinigkeiten, er auf der Bank vor dem Haus meiner Eltern saß und meine Mutter sich zu ihm setzte, als müsse sie um Verzeihung bitten für das komplizierte Frauenzimmer an seiner Seite.
Im April feierten wir den 50. Geburtstag von Nils Vater, wobei ich versuchte eine gute Figur zu machen, sah aber wie Bilder dieses Ereignisses später beweisen würden total lächerlich aus. Ich hatte versucht mich hübsch zu machen und nicht anzuziehen, was ich sonst tragen würde, was dazu führte, dass ich da saß mit einer hellblauen Bluse, die unförmig an mir hing, was nur vervollständigt werden konnte mit einem Cordrock in altrosa, der viel zu lang gewesen war. Total wohl fühlte ich mich also und kannte bis auf die üblichen Verdächtigen keine Menschenseele auf diesem Fest, was ich gehindert durch meine Schüchternheit nicht wirklich gut ändern konnte. Also zog ich mich unauffällig zurück. Aber nur etwas.
Ende Juni fuhr ich mit der Mitfahrzentrale nach Berlin, um beim Abiball meines Jahrgangs dabei zu sein. Spürbar sind sie schon da, die Konflikte mit meinen Freundinnen, wir entfernten uns gezwungender Maßen immer mehr von einander. Die ganze Veranstaltung war komisch, ich war kein Teil mehr davon und es hatte für mich leider etwas von “Und das wäre ihr Preis gewesen!” Vermutlich sah ich dort das letzte Mal Menschen, die ich schon ewig nicht mehr gesehen hatte, mit denen ich teilweise nicht gerade die schönsten Erinnerungen meiner Schulzeit teilte und die ich bei Tageslicht betrachtet, heute nur noch auf Facebook wiedersehen würde, ein Grund einen weiten Bogen genau um dieses Portal zu machen. Als ich Heim fuhr, blieb dieser bittere Nachgeschmack. Es veränderte sich einfach zu sehens zwischen mir und meinen Freundinnen. Die Distanz, die vielen Kilometer, veränderte uns alle.
Wenige Tage später fuhren wir das erste Mal an die Ostsee in das süße Haus seiner Eltern und ich verliebte mich dort unsterblich ins Meer. Der kleine Flachbau lag wirklich direkt am Meer, zu dem man mit einer steilen Treppe gelangen konnte, wie zu einer Art Privatstrand. Allein das war der Gipfel der Großartigkeit. Einschlafen mit Meeresrauschen. Vom Fenster aus das Wasser sehen können und mal eben schwimmen gehen, wenn einem danach war. Es war unglaublich toll. Und obwohl es nicht sonderlich groß war, gab es alles, was man brauchte. Und obwohl wir in dieser Zeit unglaublich viel stritten, hatten ja schließlich im Urlaub reichlich Zeit dazu, entschieden wir genau da oben, dass wir nun wirklich unsere Hochzeit haben wollten. So ein Leuchtturm wie dort oben, wäre eine Idee, dachten wir. Auf jeden Fall müsste es etwas Besonderes sein, wo wir doch sehr wahrscheinlich nicht kirchlich heiraten werden würden. Jetzt sollte es ernst werden. Wer so schön streiten könnte, der müsste auch heiraten.
Der Wunsch nach einem Kind war die ganze Zeit über da, auch wenn ich Angst vor der Verantwortung hatte. Und auch davor, dass unser Fundament noch nicht stark genug wäre. Aber die Stimmen in mir wurden lauter, wir beide überlegten hin und her, wenn wirklich beruflich nichts bei mir voran ging, warum dann nicht jetzt ein Kind bekommen? Warum weitere Zeit vergeuden? Dann machen wir es eben anders, als alle anderen, dann eben erst das Kind, dann der Beruf.
Denn ich hasste es in dem Moment nur zu Hause zu sein, ein Käfig ohne Aufgabe, trotz meiner Job- und Sinnsuche. Ich war so unglücklich: “Mein Leben, Blätter voller Ideale, Ideen und Niederlagen. Was hat mein Leben für einen Wert? Ich bin nichts außer einem Haufen Nichtigkeit.” Im Frühjahr überkommt mich neuer Schwung und ich stürze mich in Bemühungen, ein neues Ziel anzuvisieren. Ich arbeitete als Babysitter eines Jungen. Ich bewarb mich auf neue Ausbildungsplätze. In den Sommerferien fing ich an im Einzelnhandel als Aushilfe zu arbeiten. Kurz vor Schulbeginn schrieb mich die Fachoberschule für Sozialwesen an, ich sei in der Warteliste hoch gerutscht. Was war ich überwältigt. Aber natürlich haderte ich, das hatten wir doch schon mehr als einmal gehabt. Weil ich dafür die Arbeit im Einzelhandel wieder hinwerfen müsste, überlegte ich genau. Ob ich die Schule diesmal wirklich schaffen würde? Weil ich nur als Aushilfe arbeitete, entschied ich mich am Ende doch für die Schule und das Fachabitur, das am Ende auf mich wartete.
Von Anfang an ging ich offen mit meinen Schwächen und meinem Fehlen um. Ich sprach darüber, wenn ich es entweder nicht rechtzeitig schaffte zur ersten Stunde zu kommen oder ganz und gar nicht schaffte zu kommen, was immer weniger der Fall war, als jemals zuvor und versuchte es nicht mehr zu vertuschen. Ich bekam gute Zensuren, meine Berichte waren gut und machte ein Praktikum mit der Note 1, das mich unheimlich bewegte. Ich ging richtig gern zur Schule und hatte so etwas wie Freunde gefunden. Endlich unter Menschen, die ich mochte, die mich mochten, mit denen ich lachen und mich ab und an auch neben der Schule treffen konnte. Ich glaube, dass war das erste Mal in unserer Beziehung das wir beide gleichwertig waren. Wir hatten beide etwas am Ende des Tage zu erzählen. Und mir war wichtig was ich da tat, ich kämpfte, ich schrieb diese wirklich guten Berichte, für dich ich viel Zeit investierte, ich lernte wie eine Wilde für Mathe, damit ich das Probehalbjahr bestand. Und nebenher, als wäre das nicht schon genug, planten wir ja noch unsere Hochzeit.
Am 25. September, etwas mehr als ein Jahr nach seinem Antrag, meldeten wir unsere Hochzeit im Standesamt an. Im Vorfeld hatten wir die Trauzeugen eingeweiht und unter dem Vorwand, wir würden eine Einweihungsparty feiern wollen, dass Datum mit unseren Eltern abgeklärt, so wussten wir das alle wichtigen Menschen Zeit hätten. Und nur wenige Tage später, an meinem 20. Geburtstag teilten wir unseren Familien und ein paar Freunden zeitgleich bei einem gemeinsamen Essen in einem chinesischen Restaurant mit, dass wir in den Faschingsferien, am 23. Februar 2004 im Norden heiraten würden. Uns blieben also etwas mehr als vier Monate, um alles vorzubereiten. Es folgte eine eher unschöne Zeit, zwar freuten sich meine Eltern sehr für uns, die Freude aber bei Nils Eltern war eher verhalten. Dadurch dass der Antrag schon eine Weile her war, kam doch der feste Termin für die Trauung sehr plötzlich. Nils nach wie vor in Ausbildung, ich mit ein bißchen mehr als nichts. Sie meinten es wohl gut und unterzogen uns da einer harten Prüfung. Mitunter wurde gedroht nicht zur Trauung zu kommen, was ganz schlimm war, zum einen mag man sich nicht erpressen lassen, zum anderen gerade die eigenen Eltern nicht auf der eigenen Hochzeit vermissen müssen. Besonders Nils Vater litt darunter, dass Nils meinen Namen annehmen wollte, was verschiedene Gründe hatte. Mitunter weil ich meinem Vater während eines Fußballspiels als kleines Mädchen versprochen hatte, wenn ich mal groß wäre, würde ich meinen Namen behalten, schließlich hätte er ja nur uns zwei Töchter bekommen und sonst ginge unser zauberhafter Familienname schließlich verloren. Über die Jahre hatte ich das nie vergessen, meine Vater auch nicht und als ich meine Eltern Mitte September angerufen hatte, um von Nils Heiratsantrag zu erzählen, war außer Freude seine erste Reaktion:: “Weißt du noch?!” gewesen. Und wie gesagt, ich hatte es nicht vergessen und obwohl er mich im nächsten Moment davon frei gespochen hatte, war es mir weiterhin wichtig gewesen. Sie machen es uns nicht leicht. Es brauchte einige Zeit, aber wir wollten diese Ehe. Auch wenn das weder alle Freunde, noch jeder in unseren Familien verstand- wir hätten doch noch so viel Zeit, hieß es. Man fragte uns, warum dass denn ausgerechnet jetzt sein müsste. Aber wir wollten es genau jetzt. Wir waren uns sicher. Bereit für dieses Abenteuer. Und dank diesem Wagemut für einen Herzenswunsch, darf ich bald sagen, mit gerade 30 werde ich 10 Jahre verheiratet sein.
Ende Oktober begann ich also ein Kleid zu suchen, was mir schwer viel. Ich probierte Unzählige und machte Fotos von mir in verschiedenen Kleidern von Schnitt und Farbe. Am 11.11. kauften wir die Ringe in einem kleinen Geschäft am Stachus, das es heute nicht mehr gibt, die meine Oma uns spendierte. Der Ring war noch etwas lose und die charmante Verkäuferin hatte mir zugeraunt: “Schätzchen, Sie glauben doch wohl nicht, dass sie diesen Ring bis an ihr Lebensende tragen werden?!”
An einem Adventsgottesdienst ließ ich mich im Ort meiner Schwiegereltern evangelisch taufen, nachdem Nils und ich auch über diese kirchliche Trauung mehr als diskutiert hatten. Aber es war mir wichtig, mehr als nur auf dem Papier verheiratet zu sein und ich hoffte Nils würde das verstehen.
Unser erstes gemeinsames Weihnachtsfest verbrachten wir bei meinen Eltern in Berlin. Es war ein hektisches Treiben, so wie ich es von Kindesbeinden an gewöhnt war. Jeder suchte noch schnell etwas, hier und da wurde etwas auf den letzten Drücker gemacht, die Stimmung angespannt, bis endlich das letzte Geschenk ausgepackt worden war. Das würde ich bald vermissen. In den Feiertagen guckten wir alte Märchen mit meiner Mutter, so wie sie es immer schon gern gemacht hat.
Zwischen den Jahren fuhren wir hoch nach Friedrichskoog und planten dort mal eben innerhalb von drei Tagen inklusive An- und Abreise unsere Trauungen. Das hieß ein Gespräch im Standesamt, eines mit dem Pfarrer, eines mit dem Bezitzer der Mühle, bei dem wir gleich das Essen bestellten (6-7 Flaschen Champagner und Canapes), ein Probeessen mit anschließender Menüwahl im Gasthof nebenan, Suchen einer Flittersuite, Bestellung beim Floristen eines Brautstrauß aus weißen Lilien, vier Rosenkörben und beim Konditor Kuchen, mit unter einer dreistöckigen Hochzeitstorte mit Rosen als Verzierung und Ordern der Fotografin vor Ort. Es war anstrengend und eng getaktet, aber wir hatten in den wenigen Tagen wirklich alles geschafft, was wir uns vorgenommen hatten. Die Hochzeit konnte kommen.
Zurück in Berlin musste ich mir noch schnell die Unterlippe piercen lassen. Alle fanden das total bekloppt, allen voran meine Mutter. Nils war auch nicht sonderlich begeistert, doch ich musste mich durch setzen, ich brauchte dieses Piercing für mich, wie ein letzter kleiner Aufschrei meiner Freiheit als unerheiratete Frau. Auf der Brautmesse in Berlin im Januar fand ich meine Kleider, ja zwei. Eines für die standesamtliche und eine für die kirchliche Trauuung, das eine eher braun, das andere klassisch weiß.
Noch vor der Abreise traf ich mich mit meinen Freundinnen in Berlin in einer kalten Wohnung und wollte mit ihnen einen schönen Abend verbringen. Noch heute gibt es Aufnahmen von dem Gespräch zwischen meinen Freundinnen und mir wie wir zusammen saßen und sie einfach nicht verstehen konnten, dass wir beide schon jetzt ein Kind wollten. Ich sollte doch erstmal etwas lernen. Das hätte doch keine Eile mit dieser Familienplanung. Aber es war und blieb ein unerfüllter Herzenswunsch.
Zurück zu Hause schickten wir die selbstgebastelten Einladungen ab mit dem Titel: “Berliner Göre heiratet Pott- Indianer”. Nils war im Endspurt seiner Ausbildung und bewarb sich, ich paukte weiter für die Schule, mit unter mit einer ganz lieben Schulkameradin, die mit mir noch mal an Nils Geburtstag für den Mathetest alles durchgegangen war. Abends zurück hatte ich zwar ein schlechtes Gewissen, weil wir nicht so richtig feiern konnten, aber es war ja für einen guten Zweck gewesen. Späts nachts versuchten wir das ein bißchen nachzuholen, vermutlich eine unvergessliche Nacht. Total erleichtert war ich dann, als der alles entscheidene Test in Mathe nicht ganz daneben ging und ich das Probehalbjahr in der Schule bestand, die ganze Arbeit trug endlich Früchte. Ich war überglücklich. Und weil das so war, redeten wir auch in Ruhe darüber, dass ich gerne in den Flitterwochen, wenn meine Periode einsetzen sollte, wieder die Pille nehmen würde wollen. Wenn es bis hierher nicht geklappt hätte, dann sollte es anscheinend nicht sein und dann würde ich mich jetzt eben doch ganz und gar auf die Fachoberschule konzentrieren und meine Fachabitur machen wollen. Im Nachhinein frage ich mich, ob sich das Universum an dieser Stelle schon ins Fäustchen lachte.
Aber jetzt durfte ich mich fast ganz und gar auf die bevorstehende Hochzeit konzentrieren. Nur wenige Tage vor der Hochzeit flogen wir beide von München nach Hamburg, Nils hatte ein Bewerbungsgespräch, das unser Leben kurzzeitig auf den Kopf stellen würde. Wir genossen die Stunden im Hotel und während Nils sich im Gespräch von der besten Seite zeigte, guckte ich mir Hamburg genauer an und ging ein bißchen Shoppen. Mich zog es natürlich auch in meinen Lieblingsladen, wo ich in der Umstandsabteilung eine ganz süße Latzhose hängen sah, die mir super gut stand und richtig bequem war, aber ich kaufte sie nicht, wäre ja totaler Quatsch gewesen, schließlich war ich ja nicht schwanger. (An dieser Stelle auch ein lachendes Universum) Wir flogen nach einem Tag gleich wieder zurück nach Hause, denn nur zwei Tage nach unserer Nacht in Hamburg und zurück in München, brachen wir mit unserem lieben Freund und Nils Schwester Karen auch schon am 20.02. mit dem Nachtzug kurz vor 23Uhr hoch nach Norddeutschland auf, in unser Domizil für die kommenden Tage, mit Whirlpool zum warm werden. Wir verbrachten dort eine schöne, unvergessliche und wilde Zeit zusammen. Hoch oben im Norden sammelten sich dann hinter einander seine Eltern, meine Eltern plus meiner Schwester, meiner Freundin aus der Schule samt ihrer Tochter, meine zwei Freundinnen aus Berlin und andere liebe Verwandte unser beider Familien. Nach einem Tag Pause und Zeit zum Ankommen, musste auch Zeit für Vorbereitungen sein. Zum Beispiel fürs Basteln von Namenskärtchen in verschiedenen Farben, denn der Polterabend stand vor der Tür. Unsere Familien trafen aufeinander, man lernte sich kennen, es wurde gefeiert, getrunken und geraucht, Playstation gespielt und gefegt, denn nach guten alten Brauch hatten die Gäste ihr Porzellan mitgebracht und weil das so lustig war, holte meine Mutter noch einmal alle Scherben aus dem Mülleimer und wir fegten mehr oder minder fröhlich ein zweites Mal. Nach dieser Wiederholungsrunde waren wir schlauer und verknoteten die Scherben in Tüten, damit nicht noch ein spaßiger Zeitgenosse auf diese gloreiche Idee kommen konnte. Ich machte mir Sorgen, weil sich die feinen Splitter überall in die Fugen zwischen den Fliesen der Terrasse gesetzt hatten. Ich wollte nicht, dass sich noch Wochen später jemand an ihnen verletzen könnte, also gab ich mir besonders Mühe, aber noch bei unserer Abreise, schaute ich betroffen zu Boden. Die letzte unverheiratete Nacht verbrachten wir klassisch getrennt voneinander, ich blieb in unser Unterkunft und Nils schlief bei Freunden.

Wusstet ihr schon immer, dass ihr sooo viele Kinder bekommen werdet?!

August 31st, 2016

Ich werde das oft gefragt, wir werden das oft gefragt, als könnte man einen verstohlenen Blick in die Zukunft werfen und wüsste dann alles. Ich wusste gar nichts. Ich wusste nur, dass ich für mich das Richtige tue. Irgendwie. Ich wusste, dass ich keine Wahl hatte. Als wäre es vorher bestimmt… Der folgende Text enstand vor bald sieben Jahren, nicht mal zwei Monate nach der Geburt des vierten Kindes… Das Traurige ist, dass ich danach wirklich drei Fehlgeburten erlitt und mein Wunsch doch so hart auf die Probe gestellt wurde, aber ich konnte nie aufgeben… Da war das Gefühl, nein die Angst etwas Wichtiges, Jemand wichtiges zu verpassen…

„Manchmal frage ich mich, ob mit mir was nicht stimmt. Irgendetwas muss ja mit mir nicht stimmen, dass ich mir noch mehr Kinder wünsche. Jedenfalls ist das nicht so normal, nicht die Regel, nicht mal eben wie Milch im Supermarkt kaufen.
Eigentlich habe ich doch hier alles Glück der Welt. Ich habe vier gesunde Kinder. Ich habe ohne größere Probleme vier Kinder ausgetragen und vier Geburten überlebt und erlebt. Und dennoch. Es fehlt etwas. Jemand fehlt. Es fühlt sich nicht komplett an. Trotzdem frage ich mich, ob ich das jemals tun werde- mich komplett fühlen. Manchmal fühl ich mich fast fahrlässig nochmal all das hier, all unser Glück in die Waagschale zu werfen und noch einmal alles zu riskieren.
Ich hab Angst. Angst ein Kind zu verlieren. Angst eine Schwangerschaft nicht mehr richtig gut verkraften zu können. Angst ein krankes Kind zu bekommen. Angst einen Vater mit fünf Kindern zurück zu lassen. Angst einfach zuviel zu wollen, anstatt mit unserem jetzigen Glück zufrieden zu sein.
Jetzt mach ich mir einfach Gedanken. Ich hab eine riesengroße Angst. Angst, dass einem Kind etwas schlimmeres fehlen könnte, als das vorher dagewesene. Ich habe Angst, dass mein Körper ein Kind einfach ausspucken würde, weil er noch eines mehr auszutragen nicht schafft. Ich hab Angst alles noch einmal in die Waagschale zu werfen und für mein jetzige Glück bezahlen zu müssen.
Ich weiß all das ist fruchtlos. Aber ich kann nicht anders als zu Grübeln. Vorallem wenn die Hebammen- Oma nach der Geburt weint, weil sie so glücklich ist, dass alles gut verlief, weil das eben nicht selbstverständlich sei und als man das abtun möchte als „Oma-Kram“, die eigene Hebamme aber ziemlich das Gleiche sagte, beide sprechen von Statistiken. Das macht mich zusätzlich doch sehr nervös. Groß bekommt man sie doch. Genug Liebe ist auch da. Aber diese verfluchte Angst. Ich habe das Gefühl einfach naiv zu sein, wenn ich diesem Wunsch nachgebe. Ich habe Angst nicht dankbar genug zu sein für das, was wir jetzt haben.
Jeden Tag, wenn ich an Ben oder Tom schnuppere, jeden Tag wenn ich Zoe und Noah drücke, wenn sie in den Kindergarten gehen, jeden Tag wenn ich meinen Mann küsse und allen Dreien aus dem Fenster runter winke mit Tom auf dem Arm und Ben neben mir auf der Couch, bin ich froh und dankbar und dann für diesen Augenblick ist doch alles andere sowas von egal.“

Es ist vielleicht so nicht das gelungeneste Stück Text vom Hadern und Zaudern, aber es zeigt, dass unser Weg kein einfacher war. Sich immerzu zu hinterfragen, ob man nicht einfach völlig den Verstand verloren hat, wie schwer es doch manchmal war sich dafür zu entscheiden alles anders zu machen von vorn bis hinten, um einfach nur glücklich zu sein… Und jedes Mal, wenn jemand fragt , warum wir uns das schon wieder angetan haben… Weil wir gar nicht anders konnten… Aber es war nicht einfach, es ist nicht einfach, anders zu sein. Das sind meine blauen Haare. Ich habe viele Kinder, weil ich will. Und das Glück hatte zu können.

Zwischen den Zeiten…

August 31st, 2016

Die Hälfte unseres Urlaubs am Meer ist schon um und wie immer um diese Zeit, werden verschiedenste Emotionen an die Oberfläche gespült, wie Wellen an den Strand, sie zeigen sich nur kurz, aber bevor ich sie zu fassen bekomme, ziehen sie sich wieder zurück ins Dunkel des Meeres…
Während ich in der letzten Woche noch dem süßen Nichtstun frönte, jeden Tag genießen konnte und ganz im Augenblick versunken war, drängen sich nun immer mehr die noch zu erledigenden Aufgaben in den Vordergrund, zudem alles was ich noch für mich tun wollte und nicht geschafft habe, Sorgen um die Gesundheit der Familie, Konflikte innerhalb der Familie, die sich einfach ergeben, wenn man jeden Tag zusammen und so gut wie nie allein ist…
So zwischen dem Festhaltenwollen der Ferien, verträumt auf die letzten vier Wochen Ferien zurück blicken, mit großen Augen auf das unvermeidlich Kommende schielen und ein bißchen Herbeisehnen meines geliebten Herbstes… Von allem etwas, teilweise zuviel, manchmal zu wenig und oft genug genau richtig… Einfach mittendrin…

In zwei Wochen werde ich vier Schulkinder haben, ich werde anfangen einen Geburtstag vorzubereiten, mir wird einfallen, dass ich dann auch bald Geburtstag habe und werde wie immer zuviel zu tun und zu wenig Zeit haben, ich werde das hier einfach vermissen, wie immer und manchmal spüre ich das schon jetzt…

Wenn ich versuche das zu verdrängen und mich zu zwingen mehr zu genießen, gelingt mir das immer weniger… Also atme ich einmal tief ein und schreibe das erste Mal in diesem Urlaub auf, was mich bewegt, das war mir wichtig, saß mir im Nacken und manchmal kann ich erst Loslassen, wenn ich schreiben konnte…

damals™

August 11th, 2016

Wenn unser gemeinsames Leben einer Zugfahrt gleichen würde, begann die Fahrt in Oldenburg in Holstein mit dem Ziel Berlin. Wir fuhren aber nach einem kurzem Umstieg in Hamburg, vorerst lieber nach München.

Es begann wohl mit mir selbst in einer 40qm großen Altbau- Wohnung in einem Hinterhof in Berlin Friedrichshain. Nikotingelbe Wände, zumindest sah es so aus, ich denke sie waren tatsächlich irgendwann einmal gelb gewesen, der Boden bis auf Küche und Bad ein einziger grauer, dunkler Fleck namens Teppich. Ein lang geschnittener Flur mit simplen Schuhregalen aus Holz, führte vorbei an der Toilette mit altmodischem Schloss ins große Wohn- und Schlafzimmer, in dessen rechter Ecke ein wenig schöner Kachelofen mit beigen Fliesen stand, für den der Keller reichlich Platz als Kohlelager bot, zumindest zu Beginn der kalten Jahreszeit. Doppelt verglaste große, lange Holzfenster, die ich wirklich liebte, gaben den Blick frei auf ein etwas gepflegteres Haus unserem gegenüber mit schönen verputzten Außenfassaden. Ich wohnte definitiv im besseren Haus fand ich, weil ich die schönere Aussicht hatte. Auf unser Haus im Hinterhof hätte ich nicht schauen wollen. Eine große Küche mit weiterem Holzfenster barg ein kleines Geheimnis, nämlich die Tür in eine schöne neue Dusche, die früher einmal Abstellkammer gewesen war. Zumindest war sie dort in der Wohnung über mir. Wie das Verhältnis Dusche, Kammer und Küche in der Wohnung unter mir war, entzieht sich leider meiner Kenntnis. Ich war nicht sonderlich ordentlich, das gebe ich zu, es war auch alles nicht so sauber. Aber für wen auch? Mir war es nicht wirklich wichtig. Wichtiger war mir der Ausdruck meiner Wohnung, der Charakter. An den Wänden hingen aus Zeitungen ausgeschnittene Bilder aus dem Kulturteil, Zitate, Gedichte, Postkarten und selbst gebastelte bunte Collagen, die einen krassen Gegensatz zu meinem siebzehnjährigen Anblick beim Auszug aus dem Elternhaus bildeten.
Und es begann natürlich mit ihm. Genau genommen an diesem Tag, als er von der Ostsee weg von seinen Eltern zu mir nach Berlin fuhr, um mich das erste Mal zu sehen. Es war der 11. August 2002. Ich wohnte knapp ein Jahr in meiner Wohnung und er war wie schon seit seinen allerersten Lebensmonaten mit seinen Eltern in ihrem Haus an der Ostsee im Sommerurlaub und hatte sich genau an diesem Tag in den Zug nach Berlin gesetzt. Ein Abenteuer für uns beide, schließlich hatten wir einander nie gesehen. Seine Stimme hatte ich erst einen Tag zuvor das allererste Mal in meinem Leben gehört, wobei mir erst bewusst geworden war, dass der Mensch, den ich da treffen wollte, wirklich erst neunzehn Jahre alt war.
Nie werde ich die Aufregung vor diesem ersten Zusammetreffen vergessen. Es war ein heißer Tag im August, es hatte bestimmt 30 Grad. Abends zehn Minuten vor sechs sollte er am Bahnhof Zoo ankommen, leider war ich wie immer zu spät dran und dementsprechend außer Atem. Ich war achtzehn Jahre alt. Ich hatte mir meinen schwarzen Pony noch mal selbst geschnitten und dahinter orangenes oder leuchtend rotes Haar, je nachdem wie ausgewaschen die Farbe gerade war. Meistens wickelte ich bunte Tücher um meinen Kopf. Ich meine an diesem Abend ein grünes T- Shirt getragen zu haben und eine braune Schlaghose aus Cord. Er hatte lange dunkelblonde Haare, trug irgendein graues T- Shirt und eine Baggy. Als ich ihn das erste Mal sah, dachte ich nur wie gut er wirklich aussehen würde und ich weiß, dass das erste was er dachte war, dass ich sehr klein wäre, bis ihm auffiel, dass ich komisch gebückt laufe, denn so klein bin ich eigentlich nicht, möchte ich an dieser Stelle anmerken. Er war so süß und redete unglaublich viel, auf dem Weg in meine Wohnung. Wir fuhren mit der U- Bahn, daran kann ich mich erinnern, eingestiegen am Alexander Platz. Auf dem Weg dahin hatte er mir erzählt, er wollte unbedingt die Welt sehen, zumindest bekannt werden, und er wollte nach Tokyo. Ich werde auch nicht vergessen wie blöd ich das fand, denn dies bedeutete, dass ich eigentlich gar nichts mit diesem Jungen anzufangen brauchte, wenn er wirklich weg wollte.
Zu Hause angekommen ging er erstmal duschen, denn es war nicht nur ein warmer, sondern auch ein besonders schwüler Augusttag. Und er sah verdammt gut aus, wie er da aus der Dusche kam, also oben ohne- unten war er zu diesem Zeitpunkt noch akkurat bekleidet. Um den Kopf hatte er ein Handtuch gewickelt. Ja, diese Augen, das Lachen hatten mich schon gewonnen. Wir schauten an diesem Abend einen Film zusammen, hörten lange Musik und stellten fest, dass wir die gleichen Stücke mochten. Wir bemerkten auch erst jetzt, dass wir im selben Jahr geboren wurden, dass heißt nicht nur mit der gleichen Musik, sondern mit den gleichen Serien und all dem, was einen so interessiert groß geworden waren. Er erzählte von seiner Familie und ich von meiner. Wir stellten fest, dass unsere Schwestern bis auf einen zusätzlichen Buchstaben und einer daraus resultierenden anderen Aussprache, den gleichen Vornamen hatten, wir beide die älteren Geschwister waren. Ich war einfach schon hin und weg. Ich zeigte mich spontan freizügig, was sonst nicht meine Art war und er zeigte eher unfreiwillig auch schon das Wesentliche. Es war ein unheimlicher schöner Abend, er erzählte mir das er gern zehn Kinder hätte und ich hörte mich sagen, dass das schön klänge. Das- aus meinem Mund, das lag nur an ihm. Wobei die Zahl zehn eher ein Symbol für mehr als das obligatorische 1,36 Kind pro Familie waren. Es war also an diesem Abend nicht unbedingt ein gegebenes Versprechen für eine Großfamilie, auch wenn das zu diesem Zeitpunkt- wo immer das auch genau herkam, wenn nicht aus tiefstem Herzen,- alles andere als abwegig erschien. Er sagte auch, dass er seiner Frau dann eine Schönheits- Operation bezahlen würde, weil die ja dann garantiert erschlafft wäre. Nie werde ich das vergessen, was hatten wir gelacht. Als wir beide müde wurden, legten wir uns in mein Bett und schliefen. Zugegeben ein bißchen enttäuscht war ich, hatte er doch die ganze Zeit über, nicht einmal versucht mich zu küssen, dabei hatte ich die ganze Zeit darauf gewartet. Ein wenig zweifelte ich an mir. Fand er mich doch nicht so anziehend, nicht attraktiv? Die Antwort auf meine Frage bekam ich wenige Stunden später mitten in der Nacht. Ich drehte mich zu ihm um und da küsste er mich. Und ehrlich gesagt, nach Zigaretten, Alkohol und überhaupt so mitten in der Nacht war das eher nicht so romantisch. Aber als wir uns dann das erste Mal so richtig küssten, mit geputzten Zähnen und angenehmer Mundflora, da war es wie Feuerwerk. Das ist es bis heute, darf ich versichern. Noch nie hatte ich so empfunden, ich war wie verzaubert, ich war verliebt. Bis über beide Ohren. Das hier war etwas ganz besonderes. Ich spürte das mit jeder Faser meines Körpers. Wer hätte das nur je erahnen können, als wir uns kennen gelernt hatten…

Meinen Namen mochte ich nicht, deswegen hatte ich mich selbst “Anna” genannt. Als Anna trug ich ausschließlich schwarze Kleidung, hörte Blackmetal und hatte Probleme verschiedener Art. Zum einen war ich sehr dünn, sehr wahrscheinlich hatte ich Probleme mit dem Essen. Ich war mehr als unglücklich und hatte schlimme Depressionen und verletzte mich selbst, auf vielfältige Art. Ich las unheimlich viele Bücher über alles was mich interessierte: Sekten, Glauben, Depression, Psychoanalyse, über die Seele im Allgemeinen und Metal. Überhaupt las ich viel und ich war gut informiert. Was dazu führte, dass ich oft Angst im Dunkeln hatte und mich generell fürchtete. Alles in allem führte eigentlich mehr oder minder dazu, dass ich meines Gleichen suchte und fand. Gleichaltrige, die schrieben. Über sich, ihre Gefühle, schwere Gedanken, Fragen die im Kopf hämmerten und leider auch die Verletzungen, die sie sich selbst zufügten.
Dort traf ich ihn: Kojote. Es muss im Jahr 2000 gewesen sein. Wir schrieben uns schöne, aber meist traurige Sätze in das Gästebuch einer Freundin von mir hin und her. Vielleicht hatte ihn fasziniert was er las, ich war zerbrechlich und zart. Mich hatte auf jeden Fall fasziniert, was ich las. Irgendwann schrieben wir uns Emails und so tauschten wir uns gleich im Januar 2001 aus, ich schrieb: “Das Gefühl völliger Einsamkeit… lebend im Chaos…” und er schrieb zwei Tage später zurück: “Du musst dich niemanden gegenüber äußern, dein Geist ist dein… er gehört dir und alleine du bestimmst, wem du Eintritt gewährst. Sobald du ihn aber öffnest, besteht Gefahr verletzt zu werden durch Ignoranten, Idioten, Unwissende oder durch jemanden, der meint es besser zu wissen.” Seine Worte fand ich wunderschön und ich erschrak etwas, als ich erfuhr, dass der Mensch, der mir so schöne Dinge schrieb angeblich gerade erst siebzehn Jahre alt war. An seinem achtzehnten Geburtstag schrieb ich zufällig und gedankenverloren: “Ich wünschte, ich könnte einmal in deine Augen sehen.” Woraufhin hin er mir ein wunderschönes Bild schickte, auf dem er mit dem Gesicht leicht zur Seite geneigt nach unten schaute und schrieb: “Meine Reisen ans Meer, die endlose Freiheit der See, die Stunden der gemütlichen Einsamkeit und des Nachdenkens”. Jahre später würden wir gemeinsam genau dort diese Stunden genießen, Seite an Seite. Er schrieb weiter: “Ein Junge sitzt an der Mole. Er trägt verwaschene Jeans, einen Wollpulli und er ist barfuß. Lächelnd sieht er dich unter langen blonden Haaren an. Seine Augen, sie sind von hellem blau und durchzogen mit goldenen Ringen. Er zieht dich an sich, gemeinsam sitzt ihr dort stundenlang und betrachtet den Sonnenuntergang. Du fühlst dich geborgen. Zum Abschied küsst er dich sanft auf die Stirn: „Hab keine Angst, Anna!” Wir schrieben uns eine Weile so hin und her, meine Angst ihn zu erschrecken mit meinen Gedanken war groß, aber auch ihn zu enttäuschen, durch mich selbst, weil ich gar nicht so interessant war, wie ich mich vielleicht las. Immerzu war ich hingerissen von seinen Worten: “Es verließ meine Hände ohne durch meinen Geist zu gehen…”
Ohne das es mir richtig bewusst war, lud er mich ein mit ihm ins Kino zu gehen, der Film hieß “Grüne Wüste”. Jetzt schrieb er, möchte er mir unbedingt in die Augen schauen, schickte mir ein Bild vom “Puppetmaster”, auf dem man eine Frau sieht, die eine gleichgroße Marionette hält, deren Strippen abgerissen sind. Er deutete an, er würde sich nach Berührung verzehren. Ich wohnte aber zu weit weg, nahm dieses Umwerben vor allem gar nicht als solches wahr, dafür war ich viel zur sehr mit mir selbst beschäftigt. Zwei Wochen später schrieb ich, ich würde nicht immer eine Möglichkeit haben an einen Rechner zu kommen und er solle sich nicht so viele Gedanken um mich machen, außerdem “Ich bewerbe mich gerade fleißig auch wenn ich gar nicht so richtig weiß wo lang. Ich finde meinen Weg nicht.”
Erst mit der Zeit wurde uns beiden bewusst, dass wir 600km weit voneinander entfernt wohnten. Wir waren beide in Partnerschaften verstrickt und dennoch schickten wir uns regelmäßig von Herzen, was uns bewegte. Unsere Zeilen aneinander wurden immer persönlicher. Aber wir tauschen auch Dinge aus, die uns ausmachen. “Grau? Grau ist keine Farbe. Grau ist ein Zustand. Wenn man zwei Nicht- Farben mischt, kommt unmöglich eine eine neue Farbe heraus.”, schrieb ich mich genau auskennend.
Ich fragte ihn, was in ihm vor ginge und er verfasste: “Sehnsucht, Begierde, Verlangen.”- “Träumst du?”, fragte ich ihn. “Ja. Immerzu. Von allem.”, erwiderte er. “Kleiner Tagträumer” nannte ich ihn daraufhin in der nächsten Mail und warnte ihn ein weiteres Mal, dass ich auf die Gunst von netten Leuten angewiesen wäre, um ins Internet zu kommen. Wir tauschten noch schnell Adressen aus, mit echten Namen für alle Fälle. Dann herrschte ein halbes Jahr Stille.
Als ich wieder schrieb, waren sechs Monate vergangen, gefüllt von Heulkrämpfen und der Unmöglichkeit in die Schule zu gehen. Ich musste ihm von der komplizierten Beziehung zwischen den zwei Jungen erzählen -beste Freunde-, von denen ich den einen über alles liebte, von ganzem Herzen und er mich auch, mit dem anderen war ich aber mittlerweile fest zusammen. Es war kompliziert und obwohl ich nicht allein für das Chaos von Gefühlen verantwortlich war, fühlte ich mich elend, schlecht und schrieb an Kojote:: “Ich bin eine dreckige Mischpalette.”
Ich trennte mich. Und versuche Abstand zu gewinnen von den beiden Jungen und meinem alten Freundeskreis. Außerdem befreite ich mich von meinen schwarzen Klamotten und versuchte irgendwo mich zu finden, auch in den bunten Geschäften Berlins, was nach Jahren in schwarz eine große Herausforderung war. Ich mochte nicht die neuen Kleider, ich mochte mich nicht. Ich musste nicht nur die alten Kleider ablegen, sondern auch mein Bild von mir, das was ich damit verband, musste mich neu erfinden und lernen mich zu mögen.
Ende 2001 tauchte sie zum ersten Mal auf, die Frage die unser beider Leben von Grund auf verändern würde: “Sag mir einfach, wenn es mal von deiner Seite aus möglich wäre nach Berlin zu fahren.”
In der Zwischenzeit fand ich mich selbst in einer Beziehung zu meinem Nachbarn, einem Architektur- Studenten. Ein großer Schritt raus aus dem komplizierten Dreieck. Neben diesem Mann, der sechs Jahre älter war als ich, lernte ich mich zu mögen und neue Facetten an mir zu entdecken, die ich nicht kannte. Fand aber auch versteckt in mir, Interessen die vergraben lagen, wie die Liebe zur Kunst. Auch wenn wir am Ende keine große Liebe mit einander fanden, brachte er mich mir selbst ein Stück näher. Weil sein Studienjahr in Berlin vorüber war, zog er wieder weg in die Nähe von Kassel. So hatte ich seit Jahren die Möglichkeit durch Besuche bei ihm, etwas Neues zu sehen und zu erleben, fuhr unter anderem das erste Mal mit der Mitfahrzentrale, später öfter, gewann zaghaft mehr und mehr Selbstvertrauen, organisierte mich zusehens leichter und begann mich zu mögen, wie ich jetzt war.
In dieser Zeit hatte Nils ebenfalls eine Beziehung zu einem älteren Mädchen, die jedoch auch nicht so glücklich verlief. In einer der vielen Emails fragte ich ihn, ob er sie überhaupt lieben würde. Die Antwort, die ich von ihm bekam, überrauschte mich damals leider nicht.
Nachdem Monate verstrichen waren in denen sich nicht genug bewegt hatte, blieb in mir das Gefühl zurück, etwas müsse sich ändern. Mein Selbsterhaltungstrieb wurde aktiviert. Noch härter wollte ich an mir arbeiten.
Ich hatte Schwierigkeiten morgens aus dem Bett zu kommen, blieb dafür lange auf “Ich kann nicht schlafen, jetzt wo die Dunkelheit sich wie ein Tuch bedrohlich um mich hüllt.“, ging nachts durch die Berliner Straßen lange Wege spazieren. Ich war oft traurig und nachdenklich, schaffte es nicht regelmässig in die Berufsschule, die ich zu diesem Zeitpunkt besuchte, kämpfte immer noch hart dagegen an, mich nicht selbst zu sabotieren, was besser gelang, aber dennoch nicht immer. Teilweise missbrauchte ich dafür Zigaretten, Alkohol und auch meine Affäre. Ich ertrug das dahin vegetieren in meiner Wohnung nicht mehr und suche mir ein neues Ziel. Ich wollte nun doch mein Abitur nachholen, damit ich studieren könnte. Ich bekam auch problemlos einen Platz an einer Schule. Die ganze Zeit über schrieb ich meine Gedanken im Tagebuch nieder: “Ich hoffe, dass mir das Schreiben hilft… damit ich meine Entwicklung dann später besser verfolgen und mir Fragen, die ich mir im Moment stelle, beantworten kann.” Ich schrieb mir selbst entgegen, weil ich Antworten in mir suchte.
Im Januar 2002, gleich nach dem Jahreswechsel hatte sich etwas Grundlegendes verändert. Ich unterzeichnete meine Emails an Nils nicht mehr mit “Anna”, sondern mit “Jen”. Allein diese Kleinigkeit zeigt wie viel mehr Zugang ich zu mir selbst hatte. Im März wurde ich mutig und begann eine Nachricht an ihn mit “Hey, Süßer.” und bekam ein paar Wochen später zu Ostern eine Karte von ihm. Im März 2002 hielt ich an Nils auch fest: “Tatsachen sind, wir haben eine Affäre mit ein paar Emotionen, die undefiniert im Raum stehen… Ich will hier weg- ich hasse Berlin!… Und irgendwann ziehe ich hier weg, nächstes Jahr vielleicht und dann wandere ich aus. Ich weiß das klingt total verrückt…” Und diese Worte waren aus meinem Mund gekommen. Ein weiteres Zeichen dafür, wie verzwickt alles war, wie kompliziert und all das wollte ich nur noch hinter mir lassen. Wenn etwas in deinem Leben so in der Luft schwebt, gefühlt genau vor dir und du bekommst es nicht zu greifen, so ging es mir damit. Das nächste Jahr würde ich schon gar nicht mehr in Berlin sein, der Umzug war näher, als ich zu hoffen gewagt hätte.
Im April war es noch kalt und ich schrieb, dass ich kein Geld mehr für neue Kohle zum Heizen hätte, obwohl es noch so kühl sei. Halb erfrieren würde ich und deshalb eine Erkältung mir mir herum schleppen. Diese Email unterzeichnete ich wagemutig schon mit “Hab dich lieb”. In einer anderen Mail hieß es: “Hey Süßer, wenn du nichts besseres mit deiner Zeit anzufangen weißt, dann komm doch im Sommer zu mir nach Berlin, dann zeig ich dir mal unsere Hauptstadt.” Vielleicht war das jetzt im Nachhinein der Start für die Planung unseres ersten Treffens.
In dieser Zeit machte ich schon eine Verhaltenstherapie, die mir gut tat, mehr und mehr lernte ich mich auf die diese Stunden vorzubereiten und die Zeit dort intensiv für mich zu nutzen. Nils und ich schrieben immer intensiver, sprachen über unsere Beziehungen und auch über unsere Wünsche und Vorstellungen, wie wir uns wohl fühlen würden und das man sich selbst nicht aus den Augen verlieren sollte als Paar.
Im Mai trennte sich Nils dann von seiner Freundin, das tiefe Gefühl von Verbundenheit hatte gefehlt. Wenige Wochen später im August folgte ich diesem Vorbild und beendete auch meine lose Beziehung, kurz bevor unser erstes Treffen unmittelbar bevorstand.
Auf diese erste Begegnung freute ich mich sehr. Trotzdem besprach ich mit meiner Freundin, dass ich sie im Laufe des Tages anrufen würde, damit sie wüsste, dass es mir gut ginge, immerhin würde ich jemand Fremden aus dem Internet treffen und es blieb irgendwo ein Risiko. Selbstverständlich vergaß ich vor lauter Quatschen mit Nils sie überhaupt anzurufen. Wenn ich mir zu viele Gedanken über diese Tage mit Nils machte, fragte ich mich auch, wie das wohl wäre drei Tage mit einem Menschen zusammen sein zu müssen, den man am Ende vielleicht gar nicht mag. Auch wenn ich mir das gar nicht vorstellen konnte, aber das schien alles total verrückt. Ich dachte ziemlich viel nach, vor lauter Herzklopfen.
Am Abend bevor ich Nils das erste Mal traf war ich total nervös, richtig aufgeregt. Irgendwo tief in meinem Herzen wußte ich, dass etwas wichtiges passieren würde zwischen uns, irgendetwas, aber nie hätte ich geahnt, wieviel. Ich schlief in dieser Nacht bei meinen Eltern und hatte mir noch einmal extra die Haare geschnitten, bevor ich mich von dort auf den Weg zum Bahnhof Zoo machte, um ihn zu empfangen
Als ich Nils dann traf, stand ein Mensch vor mir, der so ganz anders war, als die Männer zuvor in meinem Leben. Er war genauso alt wie ich, was schon einmal den ersten Durchbruch darstellte. Und es schien, als müsste er nicht gerettet, kein Rätsel gelöst werden. Ich sah ganz klar vor mir, dass ich aus meinem klassischen Muster ausbrach und mich einem netten Jungen zuwendete. War ich früher süchtig nach Schmerz, suchte ich mir vorher wirklich nur junge Männer aus, die ganz offen kundig meine Hilfe brauchten oder nicht in der Lage waren mir zu zeigen, was sie empfanden, wollte ich den Kreislauf nun durchbrechen und das Richtige für mich tun. Was mir einiges abverlangte, weil ich es nicht gewöhnt war, so einen vorerst unkomplizierten Menschen vor mir zu haben, der keine Scheu hatte zu zeigen und zu sagen, wie und was er fühlte. Ich fragte mich, ob er wüsste worauf er sich einließe, denn nach wie vor fühlte ich mich kompliziert, vielleicht sogar anstrengend mit all meinen Gedanken. Aber es blieb zwischen uns, wir waren ganz bei uns. Ich wollte mir und meinem Partner gegenüber ehrlich sein, also erzählte ich auch ohne Scheu von meinem Gefühlschaos und dass ich Zeit brauchen würde mich selbst zu finden, dass auf einem Weg wäre, von dem ich nicht wissen könnte, wohin er mich führte und ob er da Teil von mir sein kann, ich war wirklich eklig ehrlich: “Erst wenn ich ein eigenes Leben habe, werde ich imstande sein, es mit jemanden zu teilen.” Erst dann gäbe es ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen.
Er kümmerte sich um mich in diesen ersten drei Tagen unserer Beziehung, bearbeitete meinen Abwasch, kaufte ein, während ich zu meiner Therapie- Stunde in Pankow war.
Jahre später erfuhr ich, dass er meine Abwesenheit auch dazu genutzt hatte, von meiner Wohnung aus seine Eltern anzurufen, mit seiner Mutter telefoniert hatte, der er damals offen erzählte, ich wäre die Richtige für ihn.
Nach drei Tagen bei mir brachte ich Nils zum Flughafen. Uns fiel dieser Abschied von einander schwer, vielleicht waren wir deshalb auch dieses Mal zu spät dran, keiner von uns beiden hatte sich die Mühe gemacht, zu schauen wann wir pünktlich los müssten um den Flug zu erwischen. Ich liebte und war beeindruckt von der Art mit der er lässig und seelenruhig sein Ticket umbuchte, als wäre das nur eine Kleinigkeit. An seiner Stelle wäre ich hysterisch ausgeflippt. Als er wirklich weg war, fuhr ich nach Hause. Von wo wir den ganzen Tag telefonierten und uns die schönsten Sachen ins Ohr schmachteten. Seine Eltern fanden unsere Telefonrechnung dann nicht mehr so schön. Spät am Abend, als er also schon wieder zu Hause bei sich war überlegte ich, dass ich ihm nun doch hinterher fahren könnte. Ein bißchen Zeit blieb mir noch, bis die Ferien zu Ende wären und die Schule beginnen würde. Kaum war er abgereist, fuhr ich also mit dem Zug hinterher. Mir kam das verrückt vor, wie in einem Film. Wieder war ich aufgeregt.
Um 19Uhr rannte ich los und fuhr zu meiner Bank, zahlte anschließend mit meinen letzten 85 Euro ein Zugticket, was total verrückt war, weil es der 15. des Monat war und ich somit kein Geld mehr auf meinem Konto hatte, absolut nichts. Noch am gleichen Abend packte ich also meine Sachen und fuhr mit dem Nachtzug. Es war das Jahr des Hochwassers und so gab es viele Stolpersteine unterwegs, am frühen Morgen sah ich das erste Mal in meinem Leben die Stadt München, zumindest den Hauptbahnhof. Er holte mich dort ab und fuhr mit mir in das schöne Haus seiner Eltern, das mich total beeindruckte. Es waren wunderschöne Tage, ich lernte ein paar chaotische Freunde kennen und seinen besten Freund, wir redeten viel, sahen uns Fotoalben an. Vor der Abreise lieh ich mir Geld von Nils, so richtig mit Vertrag, weil wir alles richtig machen wollten, damit ich zurück nicht verhungern müsste und fuhr am 18. August wieder nach Hause. Schluchzend. Wir kannten uns zu diesem Zeitpunkt eine Woche. Was war ich durch einander. Es war ein Sonntag und am nächsten Tag sollte die Schule wieder los gehen, aber ich war so müde von der Fahrt, die anstrengend und voll war und auch voller Eindrücke und Gefühlen. Ich schwänzte meinen ersten Schultag und begann so einen Tag später. In meinem Kopf drehte sich alles, alles war so schnell passiert, ich war überrumpelt von meinen eigenen Gefühlen, soviel Veränderung auf einmal in meinem Leben, ich war durcheinander und furchtbar verliebt. Für ihn blieb bis auf eine Freundin ein paar mehr Kilometer weiter weg, alles beim alten. Er machte genau so weiter wie vorher. Und auch wenn es noch so früh in unserer Beziehung war, fragten wir uns beide unabhängig von einander wie es weiter gehen könnte mit uns. Erst einmal machten wir uns Gedanken, wann wir uns das nächste Mal sehen könnten.

Die erste Ferienwoche

August 11th, 2016

Eigentlich liegt diese nun schon fast eine Woche hinter mir, aber ich habs nicht eher geschafft zu schreiben…
Am Sonntag schon war ich etwas nervös, könnte man sagen. Die Aussicht drei Wochen lang allein sieben Kinder erstmalig von Montag bis Freitag zwischen 8 und 19Uhr betreuen zu dürfen war dann doch etwas überwältigend… Mir kam auch in den Sinn wie schwierig das alles für die Kinder war, die sich sonst zum Teil auch vormittags mal aus dem Weg gehen konnten, stand ihnen nun bis auf wenige Ausnahmen ein 24Stunden rundum Beisammensein bevor… Die Konflikte, die es schon zuvor gab, könnten sich vertiefen und woanders tun sich womöglich diverse Möglichkeiten und Chancen auf, dachte ich- und genauso war es… Ich war also aufgeregt am Abend vorm Antritt meines neuen echten 24h Mutterjobs, man könnte auch sagen, ich hatte echt Bammel, auch wenn mir das etwas albern vorkam, waren ja schließlich meine Kinder, die mich da erwarteten, keine Horde Außerirdischer oder doch? :)

Gleich am Montag so zwischen Frühstückstisch abräumen, Zähne putzen und irgendwo Ordnung machen, hatte ich eine Idee. Wir könnten ja auf ihren Lieblingsspielplatz (etwas weiter weg) gehen und das machten wir dann auch gleich, wo ich eine Vorschulkindmutter traf und eine zweite tolle Idee hatte, geradezu genial! Ich könnte ja „Pokémon Go“ installieren, das sollte doch zu schaffen sein, also kramte ich nach dem Passwort für den Appstore und freute mich, dass irgendwie irgendwo Platz auf meinem Handy zu finden war und dank der Hilfe meiner pfiffigen Kinder bastelten wir noch an Ort und Stelle an meinem Profil. Dann war ich allein und ich fragte mich schon das erste Mal wie schlau das wohl jetzt gewesen war, denn fünf Kinder liefen als Herde von einer Ecke des Spielplatz in die andere und fingen an sich zu streiten, wer wann wo etwas fangen könnte sollte müsste dürfte. Wir liefen dann Heim, ich kochte irgendwas und am Nachmittag kam eine meiner liebsten Freundinnen, die uns oh Wunder auf einem Spielplatz antraf, wo wir einen Pokéstop hatten und Pokémon suchten. :)
Am Dienstag hatte ich die geniale Idee einer Altstadt Rallye nach dem Frühstück, zwischen Abräumen und Zähneputzen (vielleicht erkennt man ein Muster), ich wollte „nur kurz“ so zwischen Brunch und Lunch ein paar Pokémon jagen, es nieselte, wir kauften Eis und Trinkpäckchen, besuchten einen Spielplatz, machten da Pause, jagten dann durch den Schlossgarten rauf und runter, waren auf einem weiteren Spielplatz, wollten nur kurz auf einem anderen Spielplatz einen Pokéstop machen und waren dann erst kurz nach 18Uhr zu Hause… Ich kochte, die Kinder putzten alles leer und eine ganze Melone hinterher und gelaufen war der Tag… :)
Am Mittwoch lief ich dann mittags, nachdem ich versucht hatte den Haushalt einzuholen, in der Sonne hin und her damit ich Bälle einsammeln konnte für unser Spiel, die waren nämlich aus, die Kinder machten derweil eine Pause von ihrem anstrengenden Ferienprogramm und sahen sich den Fernseher genauer an, bastelten, lasen, spielten und stritten.
Am Donnerstag machte ich genau das Gleiche wie am Tag zuvor, nur faltete ich irre viel Wäsche weiter und packte Taschen fürs Freibad, außerdem erwarteten wir einen Freund des Großen mit dem wir dann auch gleich ins Freibad fahren wollten, wo ich dann angekommen erstmals in meiner Freibadbesuchskarriere feststellte, dass wir zwar genau die Anzahl Taschen dabei hatten, die ich auch hätte mitnehmen wollen, aber eine davon war die des Sohnes Freund und meine Tasche mit den Badesachen stand zu Hause, also raste ich mit dem Bus wie eine Bekloppte nach Hause, holte die Tasche, rannte an einem Spielplatz aus den falschen Gründen vorbei und wieder zur Bushaltestelle um ein zweites Mal ins Freidbad zu fahren, wo wir noch eine nette Zeit bis zur Schließung in Badebekleidung hatten. Ich suchte mit der Großen am Abend noch über eine Stunde vorm großen Sommergewitter Pokémon und daheim machten es sich die Jungs in ihrem Lager im Keller gemütlich und gingen fast zeitgleich mit uns Erwachsenen ins Bett um dann…
am Freitag frisch und fröhlich wieder aus dem Bett zu hüpfen, woran es mir gleichermaßen und ausreichend mangelte und fehlte. Es zeigten sich doch nach der ersten Woche auch erste Ermüdungserscheinungen, so erwachte ich alter Morgenmuffel mit dem klaren jammerigen Gedankengut von „Ich kann nicht mehr!“… Ich zauberte ein superdupertolles Angeber „Schön, dass du da bist Sohnfreund/We survived die erste Ferienwoche“ Frühstück für alle und ging dann einkaufen mit einem anderen Sohnkind und den Kleinen, während alle anderen sich dank Niesel- und Regenwetter nochmals den Fernseher gaaanz genau ansahen. Die jungen Freude hatten um Verlängerung gebettelt, die sie auch bekommen sollten und am Nachmittag hing dann immer mehr der Vorschüler durch, der sich später abends einmal erbrach und unsere Wochenendmission bedrohte… Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andernmal erzählt werden oder so…. auch das dieser am nächsten Tag schon wieder munter wie ein junges Reh herum sprang, während das große Tochterkind dann sterbend auf dem Sofa lag und es bis gestern immer wieder tat- es kommt in Wellen… Ach und beim Friseur war ich mit der Großen da irgendwo zwischendrin (mit den beiden Kleinen) auch noch und bin etliche Kilometer mit diesen und jeden Kindern gewandert, denn wir wollen die Allerbesten sein… :)

💛

Ein von fraukassiopeia (@fraukassiopeia) gepostetes Foto am

Ich wipp das.

Die letzte Schulwoche

Juli 30th, 2016

Die Woche begann unwirklich und zögerlich, nach unserem Besuch im Freibad am Sonntag Abend und dem anschließenden Endlichbestellen von ein paar Geschenken für den nahenden Geburtstag, ging ich wieder grübelnd ins Bett… Vor mir lag ein Kinderarztbesuch mit Zelda und Anton.
Nachdem am Montag Morgen alle aus dem Haus waren, wollte ich mir gerade mein Frühstück machen, als Nils mich anrief und mir mitteilte, dass etwas Schlimmes passiert sei. Der Ehemann einer unserer liebsten Erzieherinnen war am Wochenende überraschend gestorben. Das nahm mich total mit, ein ganz wunderbarer Mann, der oft im Kindergarten half, mit dem ich via Instagram befreundet war, mit dem ich ab und an geschrieben hatte. Er hinterlässt eine wundervolle Frau und zwei Söhne, ich stand unter Schock. ich konnte es kaum fassen. Ich stellte mich dennoch vor meinen Laptop und wollte gerade etwas schreiben, als meine Aufmerksamkeit auf ein paar ganz andere Tweets gelenkt wurde… Johannes Korten wurde vermisst nach einer Art Abschiedsbrief, ich konnte es gar nicht so recht glauben und es war eine Welle des guten Internets losgebrochen… Ich schrieb nun dem Mann und stand noch mehr unter Schock als zuvor. Ich war letztes Jahr erst an der Ostsee an ihm vorbei gelaufen und hatte mich gewundert, ob ers wirklich gewesen war, später sah ich ihn nochmal am Strand vor „unserem“ Haus und störte ihn aber nicht, wir schrieben nur später, dass er genau zeitgleich mit uns da gewesen war. Ich las auch dort letztes Jahr, das von ihm unterstützte Buch „Willkommen im Meer“. Seine Bilder bei Instagram bestachen durch schwarz/weiße Kontraste und seine nachdenklichen Tweets waren stets gefühlt ein Aufruf, die Welt ein bißchen besser zu machen, gerade in der Flüchtlingshilfe war er letztes Jahr sofort auf meinem Schirm gewesen… Nun hatten ihn die Depressionen aufgefressen. Auch mein Thema, ganz stark. Gerade als junge Erwachsene war es mein großes Problem gewesen und es schwang und schwingt all die Jahre immer mit, etwas was ich im Auge behalte, immer noch, nach all den Jahren, weil man es nicht abstreifen kann, es berührte mich auf mehreren Ebenden persönlich, in seiner Gänze. Ich versuchte mich zu sortieren, unsere Sachen zu packen und einen klaren Gedanken zu fassen, was mir nicht wirklich gelungen war, denn als ich wieder nach Hause kam, bemerkte ich, dass ich nicht mal die Tür abgeschlossen hatte. Ich fuhr also zum Kinderarzt, anstatt den Mann an meine Seite holen und mich kuschelnd auf dem Sofa zurück zu ziehen. Immer wieder tauchten Bilder auf vor mir auf, das aktuellste war wohl, ein paar Tage nach Zeldas Geburt, als alle Hoffnung aus meinem Körper verschwunden war, Erinnerungen hochkrochen und ich einfach nur Glück hatte, dass mein chemisches Gleichgewicht am nächsten Morgen nach einer Mütze Schlaf wieder hergestellt worden war, aber vergessen hatte ich dieses beklemmende, bleischwere Gefühl nicht…
Zeldas U4 stand also an und der Kinderarzt war wie wir sehr zufrieden mit unserer Maus, ich ließ sie das erste Mal impfen, so wie beschlossen mit dem Mann ganz in Ruhe und nicht alles auf einmal und fuhr nach einem Besuch der Apotheke und der Drogerie mit dem Gedanken immernoch hier und da, weiter zum Kindergarten, wo eine Schwere auf allem lag, alles leiser war und jede Bewegung langsamer wirkte… Als der Wunsch nach Kuchen für die Trauerfeier aufkam, bot ich sofort Hilfe an, wenn ich schon nichts tun konnte für diese mir ans Herz gewachsene Frau und ihre Söhne, dann doch wenigstens das. Als ich nach Hause fuhr, las ich dann beim Mittag, dass Hannes tot aufgefunden worden war und ich fing an zu weinen. Am Abend buk ich dann Probe, damit auch wirklich für diesen wichtigen Anlass, der Kuchen auch wirklich gelang. Auf unserem Tisch brannten an diesem Tag vier Kerzen und ich ging mit einem sehr schweren Herzen ins Bett, konnte lange Zeit nicht einschlafen und schrieb dann doch, weil ich noch irgendwas Sinnvolles tun wollte einen Textvorschlag für die Abschiedsrede in die Vorschulkindermüttergruppe… Ich sah unserer Tochter beim Einschlafen zu und das war wohl mit das Schönste, was dieser Tag zu bieten gehabt hatte…
Am nächsten Morgen war ich immer noch total durch den Wind, aber an diesem Tag war ich anders ruhelos, ruppig und wenig entspannt. Ich holte die Kindergartenkinder ab, dann den Tom vom Schulbus und schrieb später mit einer lieben Freundin, weil die Kinder dank eines schlimmen Unwetters nicht aus der Schule kamen. Gott sei Dank fuhr meine Freundin die Kinder nach Hause, ich war nach den Erzählungen nur froh, dass die Kinder nicht versucht hatten allein nach Hause zu kommen, es war von Hagel die Rede, Sturzregen, Windboen und verletzten Kindern. Ich war aber alles andere als verständnisvoll, mich nervten die Streiterei und ich war so sauer und wütend, als ich abends um 19Uhr das Haus verließ, um zum Putzen in die Schule zu fahren, das letzte Mal in diesem Schuljahr. Das Putzen war aber schnell getan, ich hab der Putzpartnerin vermutlich das Ohr abgekaut und soviel Blödsinn erzählt, dass ich wiederum ganz nachdenklich nach Hause fuhr. Anscheinend war bei den Busfahrern schon Zeit Witze über das Geschehen ums OEZ zu machen, ich war noch nicht so weit… Ich war müde und ausgelaugt und schlief später wieder schlecht ein…
Am Mittwoch Morgen dachte ich beim Aufwachen an meine Mama, die Geburtstag hatte und überlegte, wann wohl ein guter Zeitpunkt wäre, sie anzurufen… Und je länger der Tag wurde, desto mehr erinnerte ich mich an den letzten Tag schwanger mit dem Geburtstagskind in spe. Ich buk am Vormittag noch kurzentschlossen einen Zitronenkuchen für die Beerdigung am nächsten Tag und den zweiten geplanten Kuchen am Abend… Mittags beim Abholen ging mir durch den Kopf, ob das hier jetzt wirklich das letzte Mal sein sollte, dass ich die Zwei gemeinsam abholen würde, denn ich war mir immernoch nicht sicher wie ich es morgen machen sollte, wie es am Besten für alle wäre. Nachmittags hatte ich mit meiner Mama telefoniert und mich gefreut ihre Stimme zu hören. Am Abend, als alle endlich schliefen, machte ich noch Antons Cupcakes fertig, schmückte mit dem Mann den Geburtstagstisch und wickelte auf den letzten Drücker alle schnell noch besorgten Geschenke für das Geburtstagskind ein…
Am Donnerstag Morgen freute ich ich über das überglückliche Geburtstagskind, das so voller Freude auf den Geschenketisch zugelaufen war und endlich endlich alles allein auspacken durfte. Die Großen bekamen seit Ewigkeiten wieder mal Geschenke, ich hatte ein paar Wasserspritzpistolen auch für sie besorgt. Die Kindergartenkinder durften daheim bleiben und wir warteten gespannt auf die Schulkinder, die schon um 11Uhr aus hatten, derweil packte ich unsere Taschen… Als sie kamen, warfen sie nur schnell alles von sich und wir fuhren gleich mit dem nächsten Bus zum Bahnhof und von dort aus weiter zum Marienplatz, stiegen dort um und liefen zum Tierpark, wo wir den restlichen Tag verbringen wollten… Und Anton so einen Spaß hatte, weil er laufen durfte, die ganze Zeit… Für mich war es auch spannend, es war der erste Ausflug mit allen Kindern allein, der Mann stieß dann später zu uns und verbrachte die letzten 2 Stunden mit uns dort…
Am Freitag Morgen fiel mir auf, dass ich wohl doch mal die Rede üben sollte, die ich heute halten wollte und die sollte gefälligst schön sein. Ich war total aufgeregt deswegen und dann fiel mir noch ein, dass ich backen musste, also stand ich wieder in der Küche und buk erneut. Keine Ahnung wie viele Muffins (60! allein letzte Woche), Cupcakes, Mini- Cupcakes und Kuchen ich in diesem Monat gebacken hatte… Kurz bevor die Kinder aus der Schule kamen, holte ich Zelda zu mir, zu der ich immer wieder hoch gelaufen war, denn die schlief und schlief und schlief, abends hatte ich sie das letzte Mal gestillt, irgendwann so gegen 21 Uhr und die ganze Nacht war sie nicht aufgewacht, sie schlief einfach weiter… Ich freute mich total sie zu sehen und dann die Schulkinder ein letztes Mal abzuholen, setzte mich gleich mit ihnen hin und wir lasen gemeinsam die Zeugnisse, eine meiner liebsten Freundinnen brachte mir dann die Kindergartenkinder frei Haus und erst da bemerkte ich, dass das zwar alles nett gewesen war, doch knapp kalkuliert, denn mir blieben noch 50min um die Tiefkühlpizzen zu backen, mich umzuziehen, die Kinder anzuziehen und das Topping der Cupcakes fertig zu machen, also schob ich sechs Pizzen in den Ofen, suchte etwas hektisch die Tülle von der Spritztüte und stieß dabei noch meinen Tee um, der über die vollgestellte Küchenarbeitsplatte lief, ich vollendete die Cupcakes, schnitt Pizza, druckte den Text aus, rannte nach oben, zog mich um, versuchte mich nochmal an der Rede, sah auf die Uhr und da hatten wir noch etwas 10Minuten Zeit… Jetzt war ich doch panisch, ich rief den Kindern zu, sie sollten sich anziehen, hing die Tasche an den Kinderwagen, die ich abends nach dem Tierpark aus und wieder eingeräumt hatte mit Windeln, Spucktuch, Geldbeutel, Pflastern (sollte sich später bei einem anderen Kind auszahlen), Wechselkleidung und Co, die Teller, Becher und Besteck in die Kinderwagentasche, das Ersatztragetuch in einen Beutel, warf mir Zelda um und rannte mit wehendem Haar und absolutes Chaos überall zurück lassend zur Bushaltestelle, wo ich laß, dass der Mann immerhin schon in Dachau war, der das Spektakel nicht verpassen wollte. Angekommen im Kindergarten sortierten wir uns und stellten uns dann auf um irgendwie etwas zu sehen beim Rauswurf und ich musste dann wirklich mit den Tränen kämpfen als Ben als Vorletzter nach vier Jahren Kindergarten hinaus geworfen wurde… Jetzt war ich dran und mir schlug das Herz bis zum Hals, als ich mich vor alle Eltern, Vorschulkinder und Erzieherinnen stellte und versuchte laut, deutlich und irgendwie neben den Resten der Bronchitis, spontan trockenem Hals und dankbar, dass noch ein paar Eltern gegangen waren *hust* und mit Betonung meinen Text vorzulesen, den ich ja lieber auswendig gelernt hätte, aber wann nur in dieser Woche?!… Ich durfte keine Erzieherin ansehen, als ich das nur kurz tat, gerade als ich mich bedankte, versagte mir ganz kurz die Stimme und die Tränen schossen in meine Augen… Aber ich hatte es geschafft. Unglaublich, dass ab September nur noch Emil hier sein würde… Das war alles so weit weg… Da der Mann noch arbeiten musste, fuhren wir dann heim und ich bemerkte erst am Morgen danach, dass ich wohl hätte mal helfen sollen aufzuräumen, schließlich war es unsere Feier gewesen, das war mir dann ganz unangenehm. Den restlichen Tag verbrachte ich ohne viel zu reden zu Hause, die Kinder spielten mit Antons Wasserbahn, die er bekommen hatte, stritten sich, warfen sich Zauberhaftes an den Kopf und runterkamen wir dann alle, als wir gemeinsam Abendbrot aßen. Zwar hatten zwei meiner Freundinnen abgesagt, aber ich fuhr dennoch mit Zelda zu meiner Freundin, die uns eingeladen hatte, wo ich bis halbzwölf einen schönen Abend verbrachte und dann eine ganze Weile nachts nach Hause lief… Gegen 1Uhr schlief ich dann ein und heute morgen kam ich irgendwie gar nicht mehr aus dem Bett… Ich war voll und es fiel mir heute mehr als schwer irgendwie in die Gänge zu kommen, der Tag endete mit einem Besuch im Freibad und nun sitze ich hier und versuche diese Woche irgendwie zu erfassen und festzuhalten…

Der Sommerwahnsinn

Juli 24th, 2016

Als ich mich am Freitag Abend mit Zelda in den Sessel plumpsen ließ, dachte ich nach vier Arztterminen dank meiner Augenentzündung, der Bronchitis und dem Schwindel, die mich zusätzlich zu drei Sommerfesten forderten und dem Gefühl kein Ende von nichts zu sehen, wären mein einziges Problem, gedanklich verfasste ich einen Blogpost zu diesen irren letzten Wochen kurz vor den Sommerferien. Es war der erste Vormittag in dieser Woche gewesen, an dem ich keine Termine gehabt hatte und nun am Abend, schrieb ich mit dem Mann, der auf seinem Firmen- Sommerfest in München weilte. Die Kinder dürften nach einem Nachmittag draußen, einen Pokémon Film gucken und nach Broten und Gemüseteller ein paar Chips knabbern, während ich stillte und mein Smartphone in den Händen hielt. Ich kann mich noch erinnern, dass Nils schrieb, er käme bald nach Hause, seine Bronchitis und die Wärme würden dann reichen, in einer Stunde würde er wohl aufbrechen und ich schrieb noch zurück: „Oh, schon!“, denn so früh hatte ich gar nicht mit ihm gerechnet, also stünde uns nach dem Einschlafen der Kinder gegen 21 Uhr ein schöner gemeinsamer Abend bevor, dachte ich…
Dann wechselte ich zu Facebook und wollte in meinen Tuchgruppen vorbei schauen, als ich als Statusmeldung bei einer alten Bekannten sowas las wie „München :(“ Ich brauchte dann auch nur „München“ googeln, als mich schon die Worte „Schießerei und OEZ“ ansprangen… Dann war alles nur noch wie im Fernsehen, ich war mittendrin und ganz irgendwie weit weg. Wie in Trance schrieb ich dem Mann, ob er das schon gelesen hätte und las die ersten Infos, denn in der Vergangenheit war es nicht unüblich das Familienmitglieder andere schützen wollten und daher nichts erzählten, aber er wusste noch von nichts… Er meinte im Nachhinein, wenn man es bildlich hätte darstellen können als rote Punkte, wie sich die Information als Lauffeuer ausbreitete, wäre es in Windeseile nach und nach rot geworden, weil jeder wieder jedem schrieb und immer so weiter… Bei ihnen wurden die Türen geschlossen und das Gesprächsthema hatte sich schlagartig geändert, bis nach kurzer Zeit die Raucher wohl wieder das Freie suchten…
Ich schaute auf meine Kinder und ließ mich weiterhin in Schockstarre von Anton mit Chips füttern, der sichtlich Freude daran hatte und in dem Moment kein Interesse an irgendeinem Weltgeschehen hatte. Ich kämpfte mit den Tränen und ging hoch um meinem Gefühlen freien Lauf zu lassen und die Energie zu haben, mich irgendwie zu sammeln. Ich wollte das der Mann sofort nach Hause kommt und sich ein Taxi nimmt, denn irgendwie war mir klar, dass alle öffentlichen Verkehrsmittel ihren Dienst einstellen würden, was aber erst eine Stunde später passieren sollte. Als ich dann las, dass angeblich am Stachus weitere Schüsse gefallen wären, wars vorbei mit meiner Contenance, ich rief den Mann schluchzend an und er meinte nur auf seine übliche ruhige besonnene Art und Weise: „Hier ist alles gut!“ und ich schluchzte ins Telefon, dass es gerade alles wäre, aber ganz bestimmt nicht gut! Der Film der Kinder war zu Ende und ich hatte keine Ahnung wie ich den Abend bewältigen sollte. Auch wenn der Mann gerade okay war, machte ich mir Sorgen um ihn. Wann er wohl hier sein würde, vermeintlich sicher bei uns zu Hause? Nach einem inneren Kampf und wegen der neuen Nachrichten war mein hin und her, was wohl gefährlicher wäre, ob es sicherer wäre, da zu bleiben wo er ist oder tatsächlich versuchen sollte, nachhause zu kommen, in dem Gefühl gemündet, er sollte bleiben wo er war.
Der Film der Kinder war zu Ende und sie fingen an zu streiten und sich zu verletzten vor Müdigkeit und Geschwisterliebe und es fielen die Worte „schießen und explodieren“ und das war wohl der Moment, in dem es mit meiner Ruhe und Fassung vorbei war und ich den Kindern die Lage erklärte… Das war definitiv nicht pädagogisch wertvoll, aber menschlich.
Es war das Einkaufszentrum, das für mich, meine Familie und meine Freunde der Anlaufpunkt Nummer Eins war, der Ort, an dem ich selber schon mal abends schnell mit einer Freundin gewesen war, nachdem der Mann von der Arbeit nach Hause gekommen war… Es war zu nahe, 20 Autominuten von hier. Die Polizei uns schräg gegenüber nur wenige hundert Meter entfernt schicke immerzu Bereitschaftspolizei los und wir hörten die Sirenen alle paar Minuten… Es war gespenstisch. Während noch immer nicht klar war, was passiert ist, hieß es doch noch das Geschehen am Stachus wäre falscher Alarm gewesen- kein Wunder, die Menschen in der Innenstadt müssen wie die Polizei in Habtacht gewesen sein und wir Familien und Freundinnen tauschten uns derweil aus, ob alle unsere Lieben zu Hause wären, das waren sie, bis auf mein Mann und den einer Freundin, der auch auf einem Firmensommerfest war, ausgerechnet heute… Ich schrieb mit meiner Schwester, denn ich machte mir auch Sorgen um sie als Muslima, ob ihr nicht eine Welle des Hasses entgegen kommen könnte, aber sie war ganz ruhig und entspannt…Menschen auf Twitter fragen, ob es uns und anderen aus München gut ginge. Ich putzte den Kindern, die Zähne dachte an all die Menschen, die verletzt in Krankenhäusern lagen, die Polizei die versuchte das Gebäude zu sichern, all die Menschen die voller Panik nur ihren Instinkten folgend geflüchtet waren…
Mit verstohlenen Blicken verfolgte ich auf meinem Handy die Nachrichten, Ärzte und Pflegepersonal wurden in die Krankenhäuser gerufen, während ich den Kindern in unserem Bett ein Lager bereitet hatte für Sechs und sie eine weitere DVD gucken durften. Zu dem Zeitpunkt war nicht klar, ob der Mann heute noch nach Hause kommen könnte, wann die Lage klarer wäre, es sicherer wäre, wenn wir wüssten, was da passiert war.
Es war ein furchtbarer Schwebezustand und beklemmend, den Mann nicht sicher im Arm zu wissen, dieses Ungewissheit, diese Unwissenheit war schlicht schrecklich… Es war da ganz nebensächlich, ob es ein Akt des Terrors gewesen war oder ein Amoklauf. Es war schlicht zu nahe und nach dem Putschversuch in der Türkei, dem LKW in Nizza, dem Angriff in Würzburg, die Schießerei in Orlando, den Anschlägen in Brüssel und Paris, die aggressiven Menschen ins Clausnitz war unsere „westliche“ Welt erschüttert, dass es anderswo auch viel zu viele Tote gab, liest man, es es kommt einem weiter weg vor… Das ist die schmerzliche Wahrheit. Dieses Gefühl, dass das alles aufhören soll und was Menschen bewegt andere aus dem Leben zu reißen…
Aber auf der anderen Seite war da auch wieder soviel Mitgefühl, so viele tolle Menschen, die ihre Türen geöffnet haben für Menschen ohne Bleibe für diese Nacht, andere die Gestrandete mit dem Auto abholten, als die Autobahnen wieder befahrbar waren…
In der Nacht als der Mann mit zwei Mitfahrern nach Hause gefunden hatte, (danke dafür!) war die Stimmung immer noch gedrückt, am Morgen las ich wieder Nachrichten und wartete darauf, dass der Freiarbeitssamstag samt Sommerfest in der Schule abgesagt werden würde oder die Geburtstagsfeier am Nachmittag, aber nichts davon passierte… Es war beinahe unheimlich wie normal dieser Samstag war und dieser heutige Sonntag, als wäre nie etwas gewesen, als hätte nicht eine Stadt den Atem angehalten, aber all das war real, all das ist passiert, es sind Menschen gestorben, vor allem junge Menschen, Kinder… Und als ich vom Schnellrestaurant las, wurde mir übel, ich hatte erst nach einem der zu vielen Sommerfeste in dieser Woche in einem solchen gesessen mit zwei Kindern und Baby vorm Bauch ein Eis gegessen und mich gewundert, wie unterschiedlich das Klientel dort wäre… Morgen werden wie die Polizei schrieb, einige Kinder nicht in die Schule gehen, nie mehr, für uns dreht sich die Welt weiter, aber es bleibt diese dumpfe Gefühl, das ist etwas Furchtbares in unserer Mitte passierte…
Als ich heute mit all diesen Gedanken und nach dem Verfassen dieser Zeilen mit den Kindern ins Freibad fuhr, hingen die Fahnen an unserer Polizei noch auf Halbmast und eine Lehrkraft schickte via Mail gerade noch ein Merkblatt für Eltern zur Krisenbewältigung… Nur an Kleinigkeiten merkt man, dass diese Welt, unsere Welt, unsere Stadt in dieser Woche erschüttert wurde… Ich bleibe zerrissen zwischen Dankbarkeit und Mitgefühl.

Drei Monate Mutter von Sieben

Juli 17th, 2016

Heute gab es einen Moment, in dem ich mich so sehr an Weihnachten und die Zeit drum herum erinnerte… Seit Langem eine Schwangerschaft an die ich wirklich gern zurück denke, obwohl es hier und da auch derbe Tiefen gab, war es eine super schöne Zeit und das denke ausgerechnet ich, die immer sagt, bei einer Schwangerschaft sei immer nur das Ziel das Ziel…
Da lag sie nun vor mir, meine Kleinste. Das Kind, das wirklich ein Mädchen geblieben ist… Ein Mädchen auf das ich vielleicht schon etwas länger gewartet hatte. Jeder meiner Söhne ist und bleibt einzigartig und gerade die letzten Zwei waren herbei gesehnt, also auch weil ich spürte, dass sie es waren auf die ich wartete. Ich werde nie die eine Ultraschalluntersuchung vergessen, bei der die Ärztin meinte, sie fände keinen Penis mehr… Ich war wirklich erschrocken, ich spürte meinen Sohn… Sie fand den verschollenen Penis Gott sei Dank, ein paar Bewegungen mit dem Schallkopf später wieder, aber vielleicht wegen dieser Anekdote konnte ich nicht so recht glauben, dass es dieses Mal wirklich das Mädchen sein oder bleiben sollte. Zwei, drei Kleidungsstücke hatte ich in den Jahren aufgehoben, in den Monaten der größten Qualen hatte ich sie oft heraus geholt, hinein geweint und mich gefragt, ob ich jemals wieder ein Kind erwarten würde… Es folgten diesen wunderbaren Söhne und nun trug die kleine Tochter wirklich und wahrhaftig ein paar dieser gesammelten Werke… Unfassbar.
Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich nach diesen Verlusten wirklich noch mal, nicht eines, nicht zwei, sondern drei Kinder gebären könnte und nun sind sie so ein schöner, unwegdenkbarer Bestandteil meines Lebens…
Drei Monate sind wir nun zu Neunt, ich bin eine Mutter von sieben Kindern. An den allermeisten Tagen bin ich einfach nur im Herzen glücklich und dankbar und erfüllt, gefüllt bis zur Nasenspitze mit Zufriedenheit… Es gibt einfach kaum etwas, dass ich hätte anders machen wollen, etwas was ich vermissen könnte, außer mehr Zeit für mich :)
Es gibt Tage, an denen denke ich: „Oh mein Gott, was hab ich nur getan, wie soll ich nur jemals den Bedürfnissen von allen Kinder richtig gerecht werden?!“ Wenn keine Zeit für nichts und niemanden ist. Ich mich frage, wieso ich nur dieses und jenes gerade gesagt oder getan habe?! Und ich denke, dass ich die Kinder jetzt schon vorsorglich alle bei einem Kinder- und Jugendpsychotherapeuten vorstellen sollte- ganz unbedingt, denn den brauchen sie auf jeden Fall irgendwann, nach dieser Kindheit! Und dann gibt es Tage an denen alles so wunderbar ineinander übergeht, ich sehe wie alles funktioniert, alles aufgeht, sich gute Gespräche entwickeln, alles seine Zeit hat, sich alles findet… Und so lange es dieses Momente auch noch gibt, sich diese sehr verschiedenen Tage und Sichtweisen auf alles fröhlich die Klinke in die Hand geben, kann es doch nur das bunte, volle, unberechenbare Leben sein oder?!