damals™

August 11th, 2016

Wenn unser gemeinsames Leben einer Zugfahrt gleichen würde, begann die Fahrt in Oldenburg in Holstein mit dem Ziel Berlin. Wir fuhren aber nach einem kurzem Umstieg in Hamburg, vorerst lieber nach München.

Es begann wohl mit mir selbst in einer 40qm großen Altbau- Wohnung in einem Hinterhof in Berlin Friedrichshain. Nikotingelbe Wände, zumindest sah es so aus, ich denke sie waren tatsächlich irgendwann einmal gelb gewesen, der Boden bis auf Küche und Bad ein einziger grauer, dunkler Fleck namens Teppich. Ein lang geschnittener Flur mit simplen Schuhregalen aus Holz, führte vorbei an der Toilette mit altmodischem Schloss ins große Wohn- und Schlafzimmer, in dessen rechter Ecke ein wenig schöner Kachelofen mit beigen Fliesen stand, für den der Keller reichlich Platz als Kohlelager bot, zumindest zu Beginn der kalten Jahreszeit. Doppelt verglaste große, lange Holzfenster, die ich wirklich liebte, gaben den Blick frei auf ein etwas gepflegteres Haus unserem gegenüber mit schönen verputzten Außenfassaden. Ich wohnte definitiv im besseren Haus fand ich, weil ich die schönere Aussicht hatte. Auf unser Haus im Hinterhof hätte ich nicht schauen wollen. Eine große Küche mit weiterem Holzfenster barg ein kleines Geheimnis, nämlich die Tür in eine schöne neue Dusche, die früher einmal Abstellkammer gewesen war. Zumindest war sie dort in der Wohnung über mir. Wie das Verhältnis Dusche, Kammer und Küche in der Wohnung unter mir war, entzieht sich leider meiner Kenntnis. Ich war nicht sonderlich ordentlich, das gebe ich zu, es war auch alles nicht so sauber. Aber für wen auch? Mir war es nicht wirklich wichtig. Wichtiger war mir der Ausdruck meiner Wohnung, der Charakter. An den Wänden hingen aus Zeitungen ausgeschnittene Bilder aus dem Kulturteil, Zitate, Gedichte, Postkarten und selbst gebastelte bunte Collagen, die einen krassen Gegensatz zu meinem siebzehnjährigen Anblick beim Auszug aus dem Elternhaus bildeten.
Und es begann natürlich mit ihm. Genau genommen an diesem Tag, als er von der Ostsee weg von seinen Eltern zu mir nach Berlin fuhr, um mich das erste Mal zu sehen. Es war der 11. August 2002. Ich wohnte knapp ein Jahr in meiner Wohnung und er war wie schon seit seinen allerersten Lebensmonaten mit seinen Eltern in ihrem Haus an der Ostsee im Sommerurlaub und hatte sich genau an diesem Tag in den Zug nach Berlin gesetzt. Ein Abenteuer für uns beide, schließlich hatten wir einander nie gesehen. Seine Stimme hatte ich erst einen Tag zuvor das allererste Mal in meinem Leben gehört, wobei mir erst bewusst geworden war, dass der Mensch, den ich da treffen wollte, wirklich erst neunzehn Jahre alt war.
Nie werde ich die Aufregung vor diesem ersten Zusammetreffen vergessen. Es war ein heißer Tag im August, es hatte bestimmt 30 Grad. Abends zehn Minuten vor sechs sollte er am Bahnhof Zoo ankommen, leider war ich wie immer zu spät dran und dementsprechend außer Atem. Ich war achtzehn Jahre alt. Ich hatte mir meinen schwarzen Pony noch mal selbst geschnitten und dahinter orangenes oder leuchtend rotes Haar, je nachdem wie ausgewaschen die Farbe gerade war. Meistens wickelte ich bunte Tücher um meinen Kopf. Ich meine an diesem Abend ein grünes T- Shirt getragen zu haben und eine braune Schlaghose aus Cord. Er hatte lange dunkelblonde Haare, trug irgendein graues T- Shirt und eine Baggy. Als ich ihn das erste Mal sah, dachte ich nur wie gut er wirklich aussehen würde und ich weiß, dass das erste was er dachte war, dass ich sehr klein wäre, bis ihm auffiel, dass ich komisch gebückt laufe, denn so klein bin ich eigentlich nicht, möchte ich an dieser Stelle anmerken. Er war so süß und redete unglaublich viel, auf dem Weg in meine Wohnung. Wir fuhren mit der U- Bahn, daran kann ich mich erinnern, eingestiegen am Alexander Platz. Auf dem Weg dahin hatte er mir erzählt, er wollte unbedingt die Welt sehen, zumindest bekannt werden, und er wollte nach Tokyo. Ich werde auch nicht vergessen wie blöd ich das fand, denn dies bedeutete, dass ich eigentlich gar nichts mit diesem Jungen anzufangen brauchte, wenn er wirklich weg wollte.
Zu Hause angekommen ging er erstmal duschen, denn es war nicht nur ein warmer, sondern auch ein besonders schwüler Augusttag. Und er sah verdammt gut aus, wie er da aus der Dusche kam, also oben ohne- unten war er zu diesem Zeitpunkt noch akkurat bekleidet. Um den Kopf hatte er ein Handtuch gewickelt. Ja, diese Augen, das Lachen hatten mich schon gewonnen. Wir schauten an diesem Abend einen Film zusammen, hörten lange Musik und stellten fest, dass wir die gleichen Stücke mochten. Wir bemerkten auch erst jetzt, dass wir im selben Jahr geboren wurden, dass heißt nicht nur mit der gleichen Musik, sondern mit den gleichen Serien und all dem, was einen so interessiert groß geworden waren. Er erzählte von seiner Familie und ich von meiner. Wir stellten fest, dass unsere Schwestern bis auf einen zusätzlichen Buchstaben und einer daraus resultierenden anderen Aussprache, den gleichen Vornamen hatten, wir beide die älteren Geschwister waren. Ich war einfach schon hin und weg. Ich zeigte mich spontan freizügig, was sonst nicht meine Art war und er zeigte eher unfreiwillig auch schon das Wesentliche. Es war ein unheimlicher schöner Abend, er erzählte mir das er gern zehn Kinder hätte und ich hörte mich sagen, dass das schön klänge. Das- aus meinem Mund, das lag nur an ihm. Wobei die Zahl zehn eher ein Symbol für mehr als das obligatorische 1,36 Kind pro Familie waren. Es war also an diesem Abend nicht unbedingt ein gegebenes Versprechen für eine Großfamilie, auch wenn das zu diesem Zeitpunkt- wo immer das auch genau herkam, wenn nicht aus tiefstem Herzen,- alles andere als abwegig erschien. Er sagte auch, dass er seiner Frau dann eine Schönheits- Operation bezahlen würde, weil die ja dann garantiert erschlafft wäre. Nie werde ich das vergessen, was hatten wir gelacht. Als wir beide müde wurden, legten wir uns in mein Bett und schliefen. Zugegeben ein bißchen enttäuscht war ich, hatte er doch die ganze Zeit über, nicht einmal versucht mich zu küssen, dabei hatte ich die ganze Zeit darauf gewartet. Ein wenig zweifelte ich an mir. Fand er mich doch nicht so anziehend, nicht attraktiv? Die Antwort auf meine Frage bekam ich wenige Stunden später mitten in der Nacht. Ich drehte mich zu ihm um und da küsste er mich. Und ehrlich gesagt, nach Zigaretten, Alkohol und überhaupt so mitten in der Nacht war das eher nicht so romantisch. Aber als wir uns dann das erste Mal so richtig küssten, mit geputzten Zähnen und angenehmer Mundflora, da war es wie Feuerwerk. Das ist es bis heute, darf ich versichern. Noch nie hatte ich so empfunden, ich war wie verzaubert, ich war verliebt. Bis über beide Ohren. Das hier war etwas ganz besonderes. Ich spürte das mit jeder Faser meines Körpers. Wer hätte das nur je erahnen können, als wir uns kennen gelernt hatten…

Meinen Namen mochte ich nicht, deswegen hatte ich mich selbst “Anna” genannt. Als Anna trug ich ausschließlich schwarze Kleidung, hörte Blackmetal und hatte Probleme verschiedener Art. Zum einen war ich sehr dünn, sehr wahrscheinlich hatte ich Probleme mit dem Essen. Ich war mehr als unglücklich und hatte schlimme Depressionen und verletzte mich selbst, auf vielfältige Art. Ich las unheimlich viele Bücher über alles was mich interessierte: Sekten, Glauben, Depression, Psychoanalyse, über die Seele im Allgemeinen und Metal. Überhaupt las ich viel und ich war gut informiert. Was dazu führte, dass ich oft Angst im Dunkeln hatte und mich generell fürchtete. Alles in allem führte eigentlich mehr oder minder dazu, dass ich meines Gleichen suchte und fand. Gleichaltrige, die schrieben. Über sich, ihre Gefühle, schwere Gedanken, Fragen die im Kopf hämmerten und leider auch die Verletzungen, die sie sich selbst zufügten.
Dort traf ich ihn: Kojote. Es muss im Jahr 2000 gewesen sein. Wir schrieben uns schöne, aber meist traurige Sätze in das Gästebuch einer Freundin von mir hin und her. Vielleicht hatte ihn fasziniert was er las, ich war zerbrechlich und zart. Mich hatte auf jeden Fall fasziniert, was ich las. Irgendwann schrieben wir uns Emails und so tauschten wir uns gleich im Januar 2001 aus, ich schrieb: “Das Gefühl völliger Einsamkeit… lebend im Chaos…” und er schrieb zwei Tage später zurück: “Du musst dich niemanden gegenüber äußern, dein Geist ist dein… er gehört dir und alleine du bestimmst, wem du Eintritt gewährst. Sobald du ihn aber öffnest, besteht Gefahr verletzt zu werden durch Ignoranten, Idioten, Unwissende oder durch jemanden, der meint es besser zu wissen.” Seine Worte fand ich wunderschön und ich erschrak etwas, als ich erfuhr, dass der Mensch, der mir so schöne Dinge schrieb angeblich gerade erst siebzehn Jahre alt war. An seinem achtzehnten Geburtstag schrieb ich zufällig und gedankenverloren: “Ich wünschte, ich könnte einmal in deine Augen sehen.” Woraufhin hin er mir ein wunderschönes Bild schickte, auf dem er mit dem Gesicht leicht zur Seite geneigt nach unten schaute und schrieb: “Meine Reisen ans Meer, die endlose Freiheit der See, die Stunden der gemütlichen Einsamkeit und des Nachdenkens”. Jahre später würden wir gemeinsam genau dort diese Stunden genießen, Seite an Seite. Er schrieb weiter: “Ein Junge sitzt an der Mole. Er trägt verwaschene Jeans, einen Wollpulli und er ist barfuß. Lächelnd sieht er dich unter langen blonden Haaren an. Seine Augen, sie sind von hellem blau und durchzogen mit goldenen Ringen. Er zieht dich an sich, gemeinsam sitzt ihr dort stundenlang und betrachtet den Sonnenuntergang. Du fühlst dich geborgen. Zum Abschied küsst er dich sanft auf die Stirn: „Hab keine Angst, Anna!” Wir schrieben uns eine Weile so hin und her, meine Angst ihn zu erschrecken mit meinen Gedanken war groß, aber auch ihn zu enttäuschen, durch mich selbst, weil ich gar nicht so interessant war, wie ich mich vielleicht las. Immerzu war ich hingerissen von seinen Worten: “Es verließ meine Hände ohne durch meinen Geist zu gehen…”
Ohne das es mir richtig bewusst war, lud er mich ein mit ihm ins Kino zu gehen, der Film hieß “Grüne Wüste”. Jetzt schrieb er, möchte er mir unbedingt in die Augen schauen, schickte mir ein Bild vom “Puppetmaster”, auf dem man eine Frau sieht, die eine gleichgroße Marionette hält, deren Strippen abgerissen sind. Er deutete an, er würde sich nach Berührung verzehren. Ich wohnte aber zu weit weg, nahm dieses Umwerben vor allem gar nicht als solches wahr, dafür war ich viel zur sehr mit mir selbst beschäftigt. Zwei Wochen später schrieb ich, ich würde nicht immer eine Möglichkeit haben an einen Rechner zu kommen und er solle sich nicht so viele Gedanken um mich machen, außerdem “Ich bewerbe mich gerade fleißig auch wenn ich gar nicht so richtig weiß wo lang. Ich finde meinen Weg nicht.”
Erst mit der Zeit wurde uns beiden bewusst, dass wir 600km weit voneinander entfernt wohnten. Wir waren beide in Partnerschaften verstrickt und dennoch schickten wir uns regelmäßig von Herzen, was uns bewegte. Unsere Zeilen aneinander wurden immer persönlicher. Aber wir tauschen auch Dinge aus, die uns ausmachen. “Grau? Grau ist keine Farbe. Grau ist ein Zustand. Wenn man zwei Nicht- Farben mischt, kommt unmöglich eine eine neue Farbe heraus.”, schrieb ich mich genau auskennend.
Ich fragte ihn, was in ihm vor ginge und er verfasste: “Sehnsucht, Begierde, Verlangen.”- “Träumst du?”, fragte ich ihn. “Ja. Immerzu. Von allem.”, erwiderte er. “Kleiner Tagträumer” nannte ich ihn daraufhin in der nächsten Mail und warnte ihn ein weiteres Mal, dass ich auf die Gunst von netten Leuten angewiesen wäre, um ins Internet zu kommen. Wir tauschten noch schnell Adressen aus, mit echten Namen für alle Fälle. Dann herrschte ein halbes Jahr Stille.
Als ich wieder schrieb, waren sechs Monate vergangen, gefüllt von Heulkrämpfen und der Unmöglichkeit in die Schule zu gehen. Ich musste ihm von der komplizierten Beziehung zwischen den zwei Jungen erzählen -beste Freunde-, von denen ich den einen über alles liebte, von ganzem Herzen und er mich auch, mit dem anderen war ich aber mittlerweile fest zusammen. Es war kompliziert und obwohl ich nicht allein für das Chaos von Gefühlen verantwortlich war, fühlte ich mich elend, schlecht und schrieb an Kojote:: “Ich bin eine dreckige Mischpalette.”
Ich trennte mich. Und versuche Abstand zu gewinnen von den beiden Jungen und meinem alten Freundeskreis. Außerdem befreite ich mich von meinen schwarzen Klamotten und versuchte irgendwo mich zu finden, auch in den bunten Geschäften Berlins, was nach Jahren in schwarz eine große Herausforderung war. Ich mochte nicht die neuen Kleider, ich mochte mich nicht. Ich musste nicht nur die alten Kleider ablegen, sondern auch mein Bild von mir, das was ich damit verband, musste mich neu erfinden und lernen mich zu mögen.
Ende 2001 tauchte sie zum ersten Mal auf, die Frage die unser beider Leben von Grund auf verändern würde: “Sag mir einfach, wenn es mal von deiner Seite aus möglich wäre nach Berlin zu fahren.”
In der Zwischenzeit fand ich mich selbst in einer Beziehung zu meinem Nachbarn, einem Architektur- Studenten. Ein großer Schritt raus aus dem komplizierten Dreieck. Neben diesem Mann, der sechs Jahre älter war als ich, lernte ich mich zu mögen und neue Facetten an mir zu entdecken, die ich nicht kannte. Fand aber auch versteckt in mir, Interessen die vergraben lagen, wie die Liebe zur Kunst. Auch wenn wir am Ende keine große Liebe mit einander fanden, brachte er mich mir selbst ein Stück näher. Weil sein Studienjahr in Berlin vorüber war, zog er wieder weg in die Nähe von Kassel. So hatte ich seit Jahren die Möglichkeit durch Besuche bei ihm, etwas Neues zu sehen und zu erleben, fuhr unter anderem das erste Mal mit der Mitfahrzentrale, später öfter, gewann zaghaft mehr und mehr Selbstvertrauen, organisierte mich zusehens leichter und begann mich zu mögen, wie ich jetzt war.
In dieser Zeit hatte Nils ebenfalls eine Beziehung zu einem älteren Mädchen, die jedoch auch nicht so glücklich verlief. In einer der vielen Emails fragte ich ihn, ob er sie überhaupt lieben würde. Die Antwort, die ich von ihm bekam, überrauschte mich damals leider nicht.
Nachdem Monate verstrichen waren in denen sich nicht genug bewegt hatte, blieb in mir das Gefühl zurück, etwas müsse sich ändern. Mein Selbsterhaltungstrieb wurde aktiviert. Noch härter wollte ich an mir arbeiten.
Ich hatte Schwierigkeiten morgens aus dem Bett zu kommen, blieb dafür lange auf “Ich kann nicht schlafen, jetzt wo die Dunkelheit sich wie ein Tuch bedrohlich um mich hüllt.“, ging nachts durch die Berliner Straßen lange Wege spazieren. Ich war oft traurig und nachdenklich, schaffte es nicht regelmässig in die Berufsschule, die ich zu diesem Zeitpunkt besuchte, kämpfte immer noch hart dagegen an, mich nicht selbst zu sabotieren, was besser gelang, aber dennoch nicht immer. Teilweise missbrauchte ich dafür Zigaretten, Alkohol und auch meine Affäre. Ich ertrug das dahin vegetieren in meiner Wohnung nicht mehr und suche mir ein neues Ziel. Ich wollte nun doch mein Abitur nachholen, damit ich studieren könnte. Ich bekam auch problemlos einen Platz an einer Schule. Die ganze Zeit über schrieb ich meine Gedanken im Tagebuch nieder: “Ich hoffe, dass mir das Schreiben hilft… damit ich meine Entwicklung dann später besser verfolgen und mir Fragen, die ich mir im Moment stelle, beantworten kann.” Ich schrieb mir selbst entgegen, weil ich Antworten in mir suchte.
Im Januar 2002, gleich nach dem Jahreswechsel hatte sich etwas Grundlegendes verändert. Ich unterzeichnete meine Emails an Nils nicht mehr mit “Anna”, sondern mit “Jen”. Allein diese Kleinigkeit zeigt wie viel mehr Zugang ich zu mir selbst hatte. Im März wurde ich mutig und begann eine Nachricht an ihn mit “Hey, Süßer.” und bekam ein paar Wochen später zu Ostern eine Karte von ihm. Im März 2002 hielt ich an Nils auch fest: “Tatsachen sind, wir haben eine Affäre mit ein paar Emotionen, die undefiniert im Raum stehen… Ich will hier weg- ich hasse Berlin!… Und irgendwann ziehe ich hier weg, nächstes Jahr vielleicht und dann wandere ich aus. Ich weiß das klingt total verrückt…” Und diese Worte waren aus meinem Mund gekommen. Ein weiteres Zeichen dafür, wie verzwickt alles war, wie kompliziert und all das wollte ich nur noch hinter mir lassen. Wenn etwas in deinem Leben so in der Luft schwebt, gefühlt genau vor dir und du bekommst es nicht zu greifen, so ging es mir damit. Das nächste Jahr würde ich schon gar nicht mehr in Berlin sein, der Umzug war näher, als ich zu hoffen gewagt hätte.
Im April war es noch kalt und ich schrieb, dass ich kein Geld mehr für neue Kohle zum Heizen hätte, obwohl es noch so kühl sei. Halb erfrieren würde ich und deshalb eine Erkältung mir mir herum schleppen. Diese Email unterzeichnete ich wagemutig schon mit “Hab dich lieb”. In einer anderen Mail hieß es: “Hey Süßer, wenn du nichts besseres mit deiner Zeit anzufangen weißt, dann komm doch im Sommer zu mir nach Berlin, dann zeig ich dir mal unsere Hauptstadt.” Vielleicht war das jetzt im Nachhinein der Start für die Planung unseres ersten Treffens.
In dieser Zeit machte ich schon eine Verhaltenstherapie, die mir gut tat, mehr und mehr lernte ich mich auf die diese Stunden vorzubereiten und die Zeit dort intensiv für mich zu nutzen. Nils und ich schrieben immer intensiver, sprachen über unsere Beziehungen und auch über unsere Wünsche und Vorstellungen, wie wir uns wohl fühlen würden und das man sich selbst nicht aus den Augen verlieren sollte als Paar.
Im Mai trennte sich Nils dann von seiner Freundin, das tiefe Gefühl von Verbundenheit hatte gefehlt. Wenige Wochen später im August folgte ich diesem Vorbild und beendete auch meine lose Beziehung, kurz bevor unser erstes Treffen unmittelbar bevorstand.
Auf diese erste Begegnung freute ich mich sehr. Trotzdem besprach ich mit meiner Freundin, dass ich sie im Laufe des Tages anrufen würde, damit sie wüsste, dass es mir gut ginge, immerhin würde ich jemand Fremden aus dem Internet treffen und es blieb irgendwo ein Risiko. Selbstverständlich vergaß ich vor lauter Quatschen mit Nils sie überhaupt anzurufen. Wenn ich mir zu viele Gedanken über diese Tage mit Nils machte, fragte ich mich auch, wie das wohl wäre drei Tage mit einem Menschen zusammen sein zu müssen, den man am Ende vielleicht gar nicht mag. Auch wenn ich mir das gar nicht vorstellen konnte, aber das schien alles total verrückt. Ich dachte ziemlich viel nach, vor lauter Herzklopfen.
Am Abend bevor ich Nils das erste Mal traf war ich total nervös, richtig aufgeregt. Irgendwo tief in meinem Herzen wußte ich, dass etwas wichtiges passieren würde zwischen uns, irgendetwas, aber nie hätte ich geahnt, wieviel. Ich schlief in dieser Nacht bei meinen Eltern und hatte mir noch einmal extra die Haare geschnitten, bevor ich mich von dort auf den Weg zum Bahnhof Zoo machte, um ihn zu empfangen
Als ich Nils dann traf, stand ein Mensch vor mir, der so ganz anders war, als die Männer zuvor in meinem Leben. Er war genauso alt wie ich, was schon einmal den ersten Durchbruch darstellte. Und es schien, als müsste er nicht gerettet, kein Rätsel gelöst werden. Ich sah ganz klar vor mir, dass ich aus meinem klassischen Muster ausbrach und mich einem netten Jungen zuwendete. War ich früher süchtig nach Schmerz, suchte ich mir vorher wirklich nur junge Männer aus, die ganz offen kundig meine Hilfe brauchten oder nicht in der Lage waren mir zu zeigen, was sie empfanden, wollte ich den Kreislauf nun durchbrechen und das Richtige für mich tun. Was mir einiges abverlangte, weil ich es nicht gewöhnt war, so einen vorerst unkomplizierten Menschen vor mir zu haben, der keine Scheu hatte zu zeigen und zu sagen, wie und was er fühlte. Ich fragte mich, ob er wüsste worauf er sich einließe, denn nach wie vor fühlte ich mich kompliziert, vielleicht sogar anstrengend mit all meinen Gedanken. Aber es blieb zwischen uns, wir waren ganz bei uns. Ich wollte mir und meinem Partner gegenüber ehrlich sein, also erzählte ich auch ohne Scheu von meinem Gefühlschaos und dass ich Zeit brauchen würde mich selbst zu finden, dass auf einem Weg wäre, von dem ich nicht wissen könnte, wohin er mich führte und ob er da Teil von mir sein kann, ich war wirklich eklig ehrlich: “Erst wenn ich ein eigenes Leben habe, werde ich imstande sein, es mit jemanden zu teilen.” Erst dann gäbe es ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen.
Er kümmerte sich um mich in diesen ersten drei Tagen unserer Beziehung, bearbeitete meinen Abwasch, kaufte ein, während ich zu meiner Therapie- Stunde in Pankow war.
Jahre später erfuhr ich, dass er meine Abwesenheit auch dazu genutzt hatte, von meiner Wohnung aus seine Eltern anzurufen, mit seiner Mutter telefoniert hatte, der er damals offen erzählte, ich wäre die Richtige für ihn.
Nach drei Tagen bei mir brachte ich Nils zum Flughafen. Uns fiel dieser Abschied von einander schwer, vielleicht waren wir deshalb auch dieses Mal zu spät dran, keiner von uns beiden hatte sich die Mühe gemacht, zu schauen wann wir pünktlich los müssten um den Flug zu erwischen. Ich liebte und war beeindruckt von der Art mit der er lässig und seelenruhig sein Ticket umbuchte, als wäre das nur eine Kleinigkeit. An seiner Stelle wäre ich hysterisch ausgeflippt. Als er wirklich weg war, fuhr ich nach Hause. Von wo wir den ganzen Tag telefonierten und uns die schönsten Sachen ins Ohr schmachteten. Seine Eltern fanden unsere Telefonrechnung dann nicht mehr so schön. Spät am Abend, als er also schon wieder zu Hause bei sich war überlegte ich, dass ich ihm nun doch hinterher fahren könnte. Ein bißchen Zeit blieb mir noch, bis die Ferien zu Ende wären und die Schule beginnen würde. Kaum war er abgereist, fuhr ich also mit dem Zug hinterher. Mir kam das verrückt vor, wie in einem Film. Wieder war ich aufgeregt.
Um 19Uhr rannte ich los und fuhr zu meiner Bank, zahlte anschließend mit meinen letzten 85 Euro ein Zugticket, was total verrückt war, weil es der 15. des Monat war und ich somit kein Geld mehr auf meinem Konto hatte, absolut nichts. Noch am gleichen Abend packte ich also meine Sachen und fuhr mit dem Nachtzug. Es war das Jahr des Hochwassers und so gab es viele Stolpersteine unterwegs, am frühen Morgen sah ich das erste Mal in meinem Leben die Stadt München, zumindest den Hauptbahnhof. Er holte mich dort ab und fuhr mit mir in das schöne Haus seiner Eltern, das mich total beeindruckte. Es waren wunderschöne Tage, ich lernte ein paar chaotische Freunde kennen und seinen besten Freund, wir redeten viel, sahen uns Fotoalben an. Vor der Abreise lieh ich mir Geld von Nils, so richtig mit Vertrag, weil wir alles richtig machen wollten, damit ich zurück nicht verhungern müsste und fuhr am 18. August wieder nach Hause. Schluchzend. Wir kannten uns zu diesem Zeitpunkt eine Woche. Was war ich durch einander. Es war ein Sonntag und am nächsten Tag sollte die Schule wieder los gehen, aber ich war so müde von der Fahrt, die anstrengend und voll war und auch voller Eindrücke und Gefühlen. Ich schwänzte meinen ersten Schultag und begann so einen Tag später. In meinem Kopf drehte sich alles, alles war so schnell passiert, ich war überrumpelt von meinen eigenen Gefühlen, soviel Veränderung auf einmal in meinem Leben, ich war durcheinander und furchtbar verliebt. Für ihn blieb bis auf eine Freundin ein paar mehr Kilometer weiter weg, alles beim alten. Er machte genau so weiter wie vorher. Und auch wenn es noch so früh in unserer Beziehung war, fragten wir uns beide unabhängig von einander wie es weiter gehen könnte mit uns. Erst einmal machten wir uns Gedanken, wann wir uns das nächste Mal sehen könnten.

Die erste Ferienwoche

August 11th, 2016

Eigentlich liegt diese nun schon fast eine Woche hinter mir, aber ich habs nicht eher geschafft zu schreiben…
Am Sonntag schon war ich etwas nervös, könnte man sagen. Die Aussicht drei Wochen lang allein sieben Kinder erstmalig von Montag bis Freitag zwischen 8 und 19Uhr betreuen zu dürfen war dann doch etwas überwältigend… Mir kam auch in den Sinn wie schwierig das alles für die Kinder war, die sich sonst zum Teil auch vormittags mal aus dem Weg gehen konnten, stand ihnen nun bis auf wenige Ausnahmen ein 24Stunden rundum Beisammensein bevor… Die Konflikte, die es schon zuvor gab, könnten sich vertiefen und woanders tun sich womöglich diverse Möglichkeiten und Chancen auf, dachte ich- und genauso war es… Ich war also aufgeregt am Abend vorm Antritt meines neuen echten 24h Mutterjobs, man könnte auch sagen, ich hatte echt Bammel, auch wenn mir das etwas albern vorkam, waren ja schließlich meine Kinder, die mich da erwarteten, keine Horde Außerirdischer oder doch? :)

Gleich am Montag so zwischen Frühstückstisch abräumen, Zähne putzen und irgendwo Ordnung machen, hatte ich eine Idee. Wir könnten ja auf ihren Lieblingsspielplatz (etwas weiter weg) gehen und das machten wir dann auch gleich, wo ich eine Vorschulkindmutter traf und eine zweite tolle Idee hatte, geradezu genial! Ich könnte ja „Pokémon Go“ installieren, das sollte doch zu schaffen sein, also kramte ich nach dem Passwort für den Appstore und freute mich, dass irgendwie irgendwo Platz auf meinem Handy zu finden war und dank der Hilfe meiner pfiffigen Kinder bastelten wir noch an Ort und Stelle an meinem Profil. Dann war ich allein und ich fragte mich schon das erste Mal wie schlau das wohl jetzt gewesen war, denn fünf Kinder liefen als Herde von einer Ecke des Spielplatz in die andere und fingen an sich zu streiten, wer wann wo etwas fangen könnte sollte müsste dürfte. Wir liefen dann Heim, ich kochte irgendwas und am Nachmittag kam eine meiner liebsten Freundinnen, die uns oh Wunder auf einem Spielplatz antraf, wo wir einen Pokéstop hatten und Pokémon suchten. :)
Am Dienstag hatte ich die geniale Idee einer Altstadt Rallye nach dem Frühstück, zwischen Abräumen und Zähneputzen (vielleicht erkennt man ein Muster), ich wollte „nur kurz“ so zwischen Brunch und Lunch ein paar Pokémon jagen, es nieselte, wir kauften Eis und Trinkpäckchen, besuchten einen Spielplatz, machten da Pause, jagten dann durch den Schlossgarten rauf und runter, waren auf einem weiteren Spielplatz, wollten nur kurz auf einem anderen Spielplatz einen Pokéstop machen und waren dann erst kurz nach 18Uhr zu Hause… Ich kochte, die Kinder putzten alles leer und eine ganze Melone hinterher und gelaufen war der Tag… :)
Am Mittwoch lief ich dann mittags, nachdem ich versucht hatte den Haushalt einzuholen, in der Sonne hin und her damit ich Bälle einsammeln konnte für unser Spiel, die waren nämlich aus, die Kinder machten derweil eine Pause von ihrem anstrengenden Ferienprogramm und sahen sich den Fernseher genauer an, bastelten, lasen, spielten und stritten.
Am Donnerstag machte ich genau das Gleiche wie am Tag zuvor, nur faltete ich irre viel Wäsche weiter und packte Taschen fürs Freibad, außerdem erwarteten wir einen Freund des Großen mit dem wir dann auch gleich ins Freibad fahren wollten, wo ich dann angekommen erstmals in meiner Freibadbesuchskarriere feststellte, dass wir zwar genau die Anzahl Taschen dabei hatten, die ich auch hätte mitnehmen wollen, aber eine davon war die des Sohnes Freund und meine Tasche mit den Badesachen stand zu Hause, also raste ich mit dem Bus wie eine Bekloppte nach Hause, holte die Tasche, rannte an einem Spielplatz aus den falschen Gründen vorbei und wieder zur Bushaltestelle um ein zweites Mal ins Freidbad zu fahren, wo wir noch eine nette Zeit bis zur Schließung in Badebekleidung hatten. Ich suchte mit der Großen am Abend noch über eine Stunde vorm großen Sommergewitter Pokémon und daheim machten es sich die Jungs in ihrem Lager im Keller gemütlich und gingen fast zeitgleich mit uns Erwachsenen ins Bett um dann…
am Freitag frisch und fröhlich wieder aus dem Bett zu hüpfen, woran es mir gleichermaßen und ausreichend mangelte und fehlte. Es zeigten sich doch nach der ersten Woche auch erste Ermüdungserscheinungen, so erwachte ich alter Morgenmuffel mit dem klaren jammerigen Gedankengut von „Ich kann nicht mehr!“… Ich zauberte ein superdupertolles Angeber „Schön, dass du da bist Sohnfreund/We survived die erste Ferienwoche“ Frühstück für alle und ging dann einkaufen mit einem anderen Sohnkind und den Kleinen, während alle anderen sich dank Niesel- und Regenwetter nochmals den Fernseher gaaanz genau ansahen. Die jungen Freude hatten um Verlängerung gebettelt, die sie auch bekommen sollten und am Nachmittag hing dann immer mehr der Vorschüler durch, der sich später abends einmal erbrach und unsere Wochenendmission bedrohte… Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andernmal erzählt werden oder so…. auch das dieser am nächsten Tag schon wieder munter wie ein junges Reh herum sprang, während das große Tochterkind dann sterbend auf dem Sofa lag und es bis gestern immer wieder tat- es kommt in Wellen… Ach und beim Friseur war ich mit der Großen da irgendwo zwischendrin (mit den beiden Kleinen) auch noch und bin etliche Kilometer mit diesen und jeden Kindern gewandert, denn wir wollen die Allerbesten sein… :)

💛

Ein von fraukassiopeia (@fraukassiopeia) gepostetes Foto am

Ich wipp das.

Die letzte Schulwoche

Juli 30th, 2016

Die Woche begann unwirklich und zögerlich, nach unserem Besuch im Freibad am Sonntag Abend und dem anschließenden Endlichbestellen von ein paar Geschenken für den nahenden Geburtstag, ging ich wieder grübelnd ins Bett… Vor mir lag ein Kinderarztbesuch mit Zelda und Anton.
Nachdem am Montag Morgen alle aus dem Haus waren, wollte ich mir gerade mein Frühstück machen, als Nils mich anrief und mir mitteilte, dass etwas Schlimmes passiert sei. Der Ehemann einer unserer liebsten Erzieherinnen war am Wochenende überraschend gestorben. Das nahm mich total mit, ein ganz wunderbarer Mann, der oft im Kindergarten half, mit dem ich via Instagram befreundet war, mit dem ich ab und an geschrieben hatte. Er hinterlässt eine wundervolle Frau und zwei Söhne, ich stand unter Schock. ich konnte es kaum fassen. Ich stellte mich dennoch vor meinen Laptop und wollte gerade etwas schreiben, als meine Aufmerksamkeit auf ein paar ganz andere Tweets gelenkt wurde… Johannes Korten wurde vermisst nach einer Art Abschiedsbrief, ich konnte es gar nicht so recht glauben und es war eine Welle des guten Internets losgebrochen… Ich schrieb nun dem Mann und stand noch mehr unter Schock als zuvor. Ich war letztes Jahr erst an der Ostsee an ihm vorbei gelaufen und hatte mich gewundert, ob ers wirklich gewesen war, später sah ich ihn nochmal am Strand vor „unserem“ Haus und störte ihn aber nicht, wir schrieben nur später, dass er genau zeitgleich mit uns da gewesen war. Ich las auch dort letztes Jahr, das von ihm unterstützte Buch „Willkommen im Meer“. Seine Bilder bei Instagram bestachen durch schwarz/weiße Kontraste und seine nachdenklichen Tweets waren stets gefühlt ein Aufruf, die Welt ein bißchen besser zu machen, gerade in der Flüchtlingshilfe war er letztes Jahr sofort auf meinem Schirm gewesen… Nun hatten ihn die Depressionen aufgefressen. Auch mein Thema, ganz stark. Gerade als junge Erwachsene war es mein großes Problem gewesen und es schwang und schwingt all die Jahre immer mit, etwas was ich im Auge behalte, immer noch, nach all den Jahren, weil man es nicht abstreifen kann, es berührte mich auf mehreren Ebenden persönlich, in seiner Gänze. Ich versuchte mich zu sortieren, unsere Sachen zu packen und einen klaren Gedanken zu fassen, was mir nicht wirklich gelungen war, denn als ich wieder nach Hause kam, bemerkte ich, dass ich nicht mal die Tür abgeschlossen hatte. Ich fuhr also zum Kinderarzt, anstatt den Mann an meine Seite holen und mich kuschelnd auf dem Sofa zurück zu ziehen. Immer wieder tauchten Bilder auf vor mir auf, das aktuellste war wohl, ein paar Tage nach Zeldas Geburt, als alle Hoffnung aus meinem Körper verschwunden war, Erinnerungen hochkrochen und ich einfach nur Glück hatte, dass mein chemisches Gleichgewicht am nächsten Morgen nach einer Mütze Schlaf wieder hergestellt worden war, aber vergessen hatte ich dieses beklemmende, bleischwere Gefühl nicht…
Zeldas U4 stand also an und der Kinderarzt war wie wir sehr zufrieden mit unserer Maus, ich ließ sie das erste Mal impfen, so wie beschlossen mit dem Mann ganz in Ruhe und nicht alles auf einmal und fuhr nach einem Besuch der Apotheke und der Drogerie mit dem Gedanken immernoch hier und da, weiter zum Kindergarten, wo eine Schwere auf allem lag, alles leiser war und jede Bewegung langsamer wirkte… Als der Wunsch nach Kuchen für die Trauerfeier aufkam, bot ich sofort Hilfe an, wenn ich schon nichts tun konnte für diese mir ans Herz gewachsene Frau und ihre Söhne, dann doch wenigstens das. Als ich nach Hause fuhr, las ich dann beim Mittag, dass Hannes tot aufgefunden worden war und ich fing an zu weinen. Am Abend buk ich dann Probe, damit auch wirklich für diesen wichtigen Anlass, der Kuchen auch wirklich gelang. Auf unserem Tisch brannten an diesem Tag vier Kerzen und ich ging mit einem sehr schweren Herzen ins Bett, konnte lange Zeit nicht einschlafen und schrieb dann doch, weil ich noch irgendwas Sinnvolles tun wollte einen Textvorschlag für die Abschiedsrede in die Vorschulkindermüttergruppe… Ich sah unserer Tochter beim Einschlafen zu und das war wohl mit das Schönste, was dieser Tag zu bieten gehabt hatte…
Am nächsten Morgen war ich immer noch total durch den Wind, aber an diesem Tag war ich anders ruhelos, ruppig und wenig entspannt. Ich holte die Kindergartenkinder ab, dann den Tom vom Schulbus und schrieb später mit einer lieben Freundin, weil die Kinder dank eines schlimmen Unwetters nicht aus der Schule kamen. Gott sei Dank fuhr meine Freundin die Kinder nach Hause, ich war nach den Erzählungen nur froh, dass die Kinder nicht versucht hatten allein nach Hause zu kommen, es war von Hagel die Rede, Sturzregen, Windboen und verletzten Kindern. Ich war aber alles andere als verständnisvoll, mich nervten die Streiterei und ich war so sauer und wütend, als ich abends um 19Uhr das Haus verließ, um zum Putzen in die Schule zu fahren, das letzte Mal in diesem Schuljahr. Das Putzen war aber schnell getan, ich hab der Putzpartnerin vermutlich das Ohr abgekaut und soviel Blödsinn erzählt, dass ich wiederum ganz nachdenklich nach Hause fuhr. Anscheinend war bei den Busfahrern schon Zeit Witze über das Geschehen ums OEZ zu machen, ich war noch nicht so weit… Ich war müde und ausgelaugt und schlief später wieder schlecht ein…
Am Mittwoch Morgen dachte ich beim Aufwachen an meine Mama, die Geburtstag hatte und überlegte, wann wohl ein guter Zeitpunkt wäre, sie anzurufen… Und je länger der Tag wurde, desto mehr erinnerte ich mich an den letzten Tag schwanger mit dem Geburtstagskind in spe. Ich buk am Vormittag noch kurzentschlossen einen Zitronenkuchen für die Beerdigung am nächsten Tag und den zweiten geplanten Kuchen am Abend… Mittags beim Abholen ging mir durch den Kopf, ob das hier jetzt wirklich das letzte Mal sein sollte, dass ich die Zwei gemeinsam abholen würde, denn ich war mir immernoch nicht sicher wie ich es morgen machen sollte, wie es am Besten für alle wäre. Nachmittags hatte ich mit meiner Mama telefoniert und mich gefreut ihre Stimme zu hören. Am Abend, als alle endlich schliefen, machte ich noch Antons Cupcakes fertig, schmückte mit dem Mann den Geburtstagstisch und wickelte auf den letzten Drücker alle schnell noch besorgten Geschenke für das Geburtstagskind ein…
Am Donnerstag Morgen freute ich ich über das überglückliche Geburtstagskind, das so voller Freude auf den Geschenketisch zugelaufen war und endlich endlich alles allein auspacken durfte. Die Großen bekamen seit Ewigkeiten wieder mal Geschenke, ich hatte ein paar Wasserspritzpistolen auch für sie besorgt. Die Kindergartenkinder durften daheim bleiben und wir warteten gespannt auf die Schulkinder, die schon um 11Uhr aus hatten, derweil packte ich unsere Taschen… Als sie kamen, warfen sie nur schnell alles von sich und wir fuhren gleich mit dem nächsten Bus zum Bahnhof und von dort aus weiter zum Marienplatz, stiegen dort um und liefen zum Tierpark, wo wir den restlichen Tag verbringen wollten… Und Anton so einen Spaß hatte, weil er laufen durfte, die ganze Zeit… Für mich war es auch spannend, es war der erste Ausflug mit allen Kindern allein, der Mann stieß dann später zu uns und verbrachte die letzten 2 Stunden mit uns dort…
Am Freitag Morgen fiel mir auf, dass ich wohl doch mal die Rede üben sollte, die ich heute halten wollte und die sollte gefälligst schön sein. Ich war total aufgeregt deswegen und dann fiel mir noch ein, dass ich backen musste, also stand ich wieder in der Küche und buk erneut. Keine Ahnung wie viele Muffins (60! allein letzte Woche), Cupcakes, Mini- Cupcakes und Kuchen ich in diesem Monat gebacken hatte… Kurz bevor die Kinder aus der Schule kamen, holte ich Zelda zu mir, zu der ich immer wieder hoch gelaufen war, denn die schlief und schlief und schlief, abends hatte ich sie das letzte Mal gestillt, irgendwann so gegen 21 Uhr und die ganze Nacht war sie nicht aufgewacht, sie schlief einfach weiter… Ich freute mich total sie zu sehen und dann die Schulkinder ein letztes Mal abzuholen, setzte mich gleich mit ihnen hin und wir lasen gemeinsam die Zeugnisse, eine meiner liebsten Freundinnen brachte mir dann die Kindergartenkinder frei Haus und erst da bemerkte ich, dass das zwar alles nett gewesen war, doch knapp kalkuliert, denn mir blieben noch 50min um die Tiefkühlpizzen zu backen, mich umzuziehen, die Kinder anzuziehen und das Topping der Cupcakes fertig zu machen, also schob ich sechs Pizzen in den Ofen, suchte etwas hektisch die Tülle von der Spritztüte und stieß dabei noch meinen Tee um, der über die vollgestellte Küchenarbeitsplatte lief, ich vollendete die Cupcakes, schnitt Pizza, druckte den Text aus, rannte nach oben, zog mich um, versuchte mich nochmal an der Rede, sah auf die Uhr und da hatten wir noch etwas 10Minuten Zeit… Jetzt war ich doch panisch, ich rief den Kindern zu, sie sollten sich anziehen, hing die Tasche an den Kinderwagen, die ich abends nach dem Tierpark aus und wieder eingeräumt hatte mit Windeln, Spucktuch, Geldbeutel, Pflastern (sollte sich später bei einem anderen Kind auszahlen), Wechselkleidung und Co, die Teller, Becher und Besteck in die Kinderwagentasche, das Ersatztragetuch in einen Beutel, warf mir Zelda um und rannte mit wehendem Haar und absolutes Chaos überall zurück lassend zur Bushaltestelle, wo ich laß, dass der Mann immerhin schon in Dachau war, der das Spektakel nicht verpassen wollte. Angekommen im Kindergarten sortierten wir uns und stellten uns dann auf um irgendwie etwas zu sehen beim Rauswurf und ich musste dann wirklich mit den Tränen kämpfen als Ben als Vorletzter nach vier Jahren Kindergarten hinaus geworfen wurde… Jetzt war ich dran und mir schlug das Herz bis zum Hals, als ich mich vor alle Eltern, Vorschulkinder und Erzieherinnen stellte und versuchte laut, deutlich und irgendwie neben den Resten der Bronchitis, spontan trockenem Hals und dankbar, dass noch ein paar Eltern gegangen waren *hust* und mit Betonung meinen Text vorzulesen, den ich ja lieber auswendig gelernt hätte, aber wann nur in dieser Woche?!… Ich durfte keine Erzieherin ansehen, als ich das nur kurz tat, gerade als ich mich bedankte, versagte mir ganz kurz die Stimme und die Tränen schossen in meine Augen… Aber ich hatte es geschafft. Unglaublich, dass ab September nur noch Emil hier sein würde… Das war alles so weit weg… Da der Mann noch arbeiten musste, fuhren wir dann heim und ich bemerkte erst am Morgen danach, dass ich wohl hätte mal helfen sollen aufzuräumen, schließlich war es unsere Feier gewesen, das war mir dann ganz unangenehm. Den restlichen Tag verbrachte ich ohne viel zu reden zu Hause, die Kinder spielten mit Antons Wasserbahn, die er bekommen hatte, stritten sich, warfen sich Zauberhaftes an den Kopf und runterkamen wir dann alle, als wir gemeinsam Abendbrot aßen. Zwar hatten zwei meiner Freundinnen abgesagt, aber ich fuhr dennoch mit Zelda zu meiner Freundin, die uns eingeladen hatte, wo ich bis halbzwölf einen schönen Abend verbrachte und dann eine ganze Weile nachts nach Hause lief… Gegen 1Uhr schlief ich dann ein und heute morgen kam ich irgendwie gar nicht mehr aus dem Bett… Ich war voll und es fiel mir heute mehr als schwer irgendwie in die Gänge zu kommen, der Tag endete mit einem Besuch im Freibad und nun sitze ich hier und versuche diese Woche irgendwie zu erfassen und festzuhalten…

Der Sommerwahnsinn

Juli 24th, 2016

Als ich mich am Freitag Abend mit Zelda in den Sessel plumpsen ließ, dachte ich nach vier Arztterminen dank meiner Augenentzündung, der Bronchitis und dem Schwindel, die mich zusätzlich zu drei Sommerfesten forderten und dem Gefühl kein Ende von nichts zu sehen, wären mein einziges Problem, gedanklich verfasste ich einen Blogpost zu diesen irren letzten Wochen kurz vor den Sommerferien. Es war der erste Vormittag in dieser Woche gewesen, an dem ich keine Termine gehabt hatte und nun am Abend, schrieb ich mit dem Mann, der auf seinem Firmen- Sommerfest in München weilte. Die Kinder dürften nach einem Nachmittag draußen, einen Pokémon Film gucken und nach Broten und Gemüseteller ein paar Chips knabbern, während ich stillte und mein Smartphone in den Händen hielt. Ich kann mich noch erinnern, dass Nils schrieb, er käme bald nach Hause, seine Bronchitis und die Wärme würden dann reichen, in einer Stunde würde er wohl aufbrechen und ich schrieb noch zurück: „Oh, schon!“, denn so früh hatte ich gar nicht mit ihm gerechnet, also stünde uns nach dem Einschlafen der Kinder gegen 21 Uhr ein schöner gemeinsamer Abend bevor, dachte ich…
Dann wechselte ich zu Facebook und wollte in meinen Tuchgruppen vorbei schauen, als ich als Statusmeldung bei einer alten Bekannten sowas las wie „München :(“ Ich brauchte dann auch nur „München“ googeln, als mich schon die Worte „Schießerei und OEZ“ ansprangen… Dann war alles nur noch wie im Fernsehen, ich war mittendrin und ganz irgendwie weit weg. Wie in Trance schrieb ich dem Mann, ob er das schon gelesen hätte und las die ersten Infos, denn in der Vergangenheit war es nicht unüblich das Familienmitglieder andere schützen wollten und daher nichts erzählten, aber er wusste noch von nichts… Er meinte im Nachhinein, wenn man es bildlich hätte darstellen können als rote Punkte, wie sich die Information als Lauffeuer ausbreitete, wäre es in Windeseile nach und nach rot geworden, weil jeder wieder jedem schrieb und immer so weiter… Bei ihnen wurden die Türen geschlossen und das Gesprächsthema hatte sich schlagartig geändert, bis nach kurzer Zeit die Raucher wohl wieder das Freie suchten…
Ich schaute auf meine Kinder und ließ mich weiterhin in Schockstarre von Anton mit Chips füttern, der sichtlich Freude daran hatte und in dem Moment kein Interesse an irgendeinem Weltgeschehen hatte. Ich kämpfte mit den Tränen und ging hoch um meinem Gefühlen freien Lauf zu lassen und die Energie zu haben, mich irgendwie zu sammeln. Ich wollte das der Mann sofort nach Hause kommt und sich ein Taxi nimmt, denn irgendwie war mir klar, dass alle öffentlichen Verkehrsmittel ihren Dienst einstellen würden, was aber erst eine Stunde später passieren sollte. Als ich dann las, dass angeblich am Stachus weitere Schüsse gefallen wären, wars vorbei mit meiner Contenance, ich rief den Mann schluchzend an und er meinte nur auf seine übliche ruhige besonnene Art und Weise: „Hier ist alles gut!“ und ich schluchzte ins Telefon, dass es gerade alles wäre, aber ganz bestimmt nicht gut! Der Film der Kinder war zu Ende und ich hatte keine Ahnung wie ich den Abend bewältigen sollte. Auch wenn der Mann gerade okay war, machte ich mir Sorgen um ihn. Wann er wohl hier sein würde, vermeintlich sicher bei uns zu Hause? Nach einem inneren Kampf und wegen der neuen Nachrichten war mein hin und her, was wohl gefährlicher wäre, ob es sicherer wäre, da zu bleiben wo er ist oder tatsächlich versuchen sollte, nachhause zu kommen, in dem Gefühl gemündet, er sollte bleiben wo er war.
Der Film der Kinder war zu Ende und sie fingen an zu streiten und sich zu verletzten vor Müdigkeit und Geschwisterliebe und es fielen die Worte „schießen und explodieren“ und das war wohl der Moment, in dem es mit meiner Ruhe und Fassung vorbei war und ich den Kindern die Lage erklärte… Das war definitiv nicht pädagogisch wertvoll, aber menschlich.
Es war das Einkaufszentrum, das für mich, meine Familie und meine Freunde der Anlaufpunkt Nummer Eins war, der Ort, an dem ich selber schon mal abends schnell mit einer Freundin gewesen war, nachdem der Mann von der Arbeit nach Hause gekommen war… Es war zu nahe, 20 Autominuten von hier. Die Polizei uns schräg gegenüber nur wenige hundert Meter entfernt schicke immerzu Bereitschaftspolizei los und wir hörten die Sirenen alle paar Minuten… Es war gespenstisch. Während noch immer nicht klar war, was passiert ist, hieß es doch noch das Geschehen am Stachus wäre falscher Alarm gewesen- kein Wunder, die Menschen in der Innenstadt müssen wie die Polizei in Habtacht gewesen sein und wir Familien und Freundinnen tauschten uns derweil aus, ob alle unsere Lieben zu Hause wären, das waren sie, bis auf mein Mann und den einer Freundin, der auch auf einem Firmensommerfest war, ausgerechnet heute… Ich schrieb mit meiner Schwester, denn ich machte mir auch Sorgen um sie als Muslima, ob ihr nicht eine Welle des Hasses entgegen kommen könnte, aber sie war ganz ruhig und entspannt…Menschen auf Twitter fragen, ob es uns und anderen aus München gut ginge. Ich putzte den Kindern, die Zähne dachte an all die Menschen, die verletzt in Krankenhäusern lagen, die Polizei die versuchte das Gebäude zu sichern, all die Menschen die voller Panik nur ihren Instinkten folgend geflüchtet waren…
Mit verstohlenen Blicken verfolgte ich auf meinem Handy die Nachrichten, Ärzte und Pflegepersonal wurden in die Krankenhäuser gerufen, während ich den Kindern in unserem Bett ein Lager bereitet hatte für Sechs und sie eine weitere DVD gucken durften. Zu dem Zeitpunkt war nicht klar, ob der Mann heute noch nach Hause kommen könnte, wann die Lage klarer wäre, es sicherer wäre, wenn wir wüssten, was da passiert war.
Es war ein furchtbarer Schwebezustand und beklemmend, den Mann nicht sicher im Arm zu wissen, dieses Ungewissheit, diese Unwissenheit war schlicht schrecklich… Es war da ganz nebensächlich, ob es ein Akt des Terrors gewesen war oder ein Amoklauf. Es war schlicht zu nahe und nach dem Putschversuch in der Türkei, dem LKW in Nizza, dem Angriff in Würzburg, die Schießerei in Orlando, den Anschlägen in Brüssel und Paris, die aggressiven Menschen ins Clausnitz war unsere „westliche“ Welt erschüttert, dass es anderswo auch viel zu viele Tote gab, liest man, es es kommt einem weiter weg vor… Das ist die schmerzliche Wahrheit. Dieses Gefühl, dass das alles aufhören soll und was Menschen bewegt andere aus dem Leben zu reißen…
Aber auf der anderen Seite war da auch wieder soviel Mitgefühl, so viele tolle Menschen, die ihre Türen geöffnet haben für Menschen ohne Bleibe für diese Nacht, andere die Gestrandete mit dem Auto abholten, als die Autobahnen wieder befahrbar waren…
In der Nacht als der Mann mit zwei Mitfahrern nach Hause gefunden hatte, (danke dafür!) war die Stimmung immer noch gedrückt, am Morgen las ich wieder Nachrichten und wartete darauf, dass der Freiarbeitssamstag samt Sommerfest in der Schule abgesagt werden würde oder die Geburtstagsfeier am Nachmittag, aber nichts davon passierte… Es war beinahe unheimlich wie normal dieser Samstag war und dieser heutige Sonntag, als wäre nie etwas gewesen, als hätte nicht eine Stadt den Atem angehalten, aber all das war real, all das ist passiert, es sind Menschen gestorben, vor allem junge Menschen, Kinder… Und als ich vom Schnellrestaurant las, wurde mir übel, ich hatte erst nach einem der zu vielen Sommerfeste in dieser Woche in einem solchen gesessen mit zwei Kindern und Baby vorm Bauch ein Eis gegessen und mich gewundert, wie unterschiedlich das Klientel dort wäre… Morgen werden wie die Polizei schrieb, einige Kinder nicht in die Schule gehen, nie mehr, für uns dreht sich die Welt weiter, aber es bleibt diese dumpfe Gefühl, das ist etwas Furchtbares in unserer Mitte passierte…
Als ich heute mit all diesen Gedanken und nach dem Verfassen dieser Zeilen mit den Kindern ins Freibad fuhr, hingen die Fahnen an unserer Polizei noch auf Halbmast und eine Lehrkraft schickte via Mail gerade noch ein Merkblatt für Eltern zur Krisenbewältigung… Nur an Kleinigkeiten merkt man, dass diese Welt, unsere Welt, unsere Stadt in dieser Woche erschüttert wurde… Ich bleibe zerrissen zwischen Dankbarkeit und Mitgefühl.

Drei Monate Mutter von Sieben

Juli 17th, 2016

Heute gab es einen Moment, in dem ich mich so sehr an Weihnachten und die Zeit drum herum erinnerte… Seit Langem eine Schwangerschaft an die ich wirklich gern zurück denke, obwohl es hier und da auch derbe Tiefen gab, war es eine super schöne Zeit und das denke ausgerechnet ich, die immer sagt, bei einer Schwangerschaft sei immer nur das Ziel das Ziel…
Da lag sie nun vor mir, meine Kleinste. Das Kind, das wirklich ein Mädchen geblieben ist… Ein Mädchen auf das ich vielleicht schon etwas länger gewartet hatte. Jeder meiner Söhne ist und bleibt einzigartig und gerade die letzten Zwei waren herbei gesehnt, also auch weil ich spürte, dass sie es waren auf die ich wartete. Ich werde nie die eine Ultraschalluntersuchung vergessen, bei der die Ärztin meinte, sie fände keinen Penis mehr… Ich war wirklich erschrocken, ich spürte meinen Sohn… Sie fand den verschollenen Penis Gott sei Dank, ein paar Bewegungen mit dem Schallkopf später wieder, aber vielleicht wegen dieser Anekdote konnte ich nicht so recht glauben, dass es dieses Mal wirklich das Mädchen sein oder bleiben sollte. Zwei, drei Kleidungsstücke hatte ich in den Jahren aufgehoben, in den Monaten der größten Qualen hatte ich sie oft heraus geholt, hinein geweint und mich gefragt, ob ich jemals wieder ein Kind erwarten würde… Es folgten diesen wunderbaren Söhne und nun trug die kleine Tochter wirklich und wahrhaftig ein paar dieser gesammelten Werke… Unfassbar.
Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich nach diesen Verlusten wirklich noch mal, nicht eines, nicht zwei, sondern drei Kinder gebären könnte und nun sind sie so ein schöner, unwegdenkbarer Bestandteil meines Lebens…
Drei Monate sind wir nun zu Neunt, ich bin eine Mutter von sieben Kindern. An den allermeisten Tagen bin ich einfach nur im Herzen glücklich und dankbar und erfüllt, gefüllt bis zur Nasenspitze mit Zufriedenheit… Es gibt einfach kaum etwas, dass ich hätte anders machen wollen, etwas was ich vermissen könnte, außer mehr Zeit für mich :)
Es gibt Tage, an denen denke ich: „Oh mein Gott, was hab ich nur getan, wie soll ich nur jemals den Bedürfnissen von allen Kinder richtig gerecht werden?!“ Wenn keine Zeit für nichts und niemanden ist. Ich mich frage, wieso ich nur dieses und jenes gerade gesagt oder getan habe?! Und ich denke, dass ich die Kinder jetzt schon vorsorglich alle bei einem Kinder- und Jugendpsychotherapeuten vorstellen sollte- ganz unbedingt, denn den brauchen sie auf jeden Fall irgendwann, nach dieser Kindheit! Und dann gibt es Tage an denen alles so wunderbar ineinander übergeht, ich sehe wie alles funktioniert, alles aufgeht, sich gute Gespräche entwickeln, alles seine Zeit hat, sich alles findet… Und so lange es dieses Momente auch noch gibt, sich diese sehr verschiedenen Tage und Sichtweisen auf alles fröhlich die Klinke in die Hand geben, kann es doch nur das bunte, volle, unberechenbare Leben sein oder?!

Wenn ich könnte…

Juli 5th, 2016

Manchmal hadere ich mit dem, was ich tue. Oder viel eher nicht tue. Dinge, die mir wichtig sind und auf der Strecke bleiben. Unausgesprochenes, Ungeschriebenes, all das was liegen bleibt. Ohne Worte. Wünsche und Gedanken, die der Wind einfach mit nimmt, die vergessen und doch in Erinnerung bleiben.

Das kleine ABC des Loslassens…

Juli 3rd, 2016

Als unsere große Tochter damals aus ihren 56er Klamöttchen heraus gewachsen war und das ist nun schon weit über 11 Jahre her, stand ich bitterlich weinend vor ihrem Kleiderschrank. Ich fühlte mich auf der einen Seite so elend, diese Kleidung würde sie nie mehr tragen, diese Zeit war unwiederbringlich vorbei- einfach so. Hatte ich diese Zeit genügend genossen? Gewürdigt? Ich kann mich noch so gut an diese Gefühl erinnern, diese Trauer, dass sie meinen Armen einfach entwuchs und auf der anderen Seite, dieses Kribbeln bei jedem neuen Entwicklungsschritt… Dieses Gefühl, das Loslassen einer Zeit, gab es in den Jahren mit unseren Kindern immer wieder, mit der Großen und mit unseren Söhnen… Das erste laute Lachen, das erste Ergeifen meiner, das erste Begreifen der eigenen Hände, das erste Mal Drehen, Krabbeln, erste Schritte oder Worte, der Beginn des Kindergartens, Abschied daraus, die Einschulung, das Beenden der Grundstufe, das erste Mal allein auf den Spielplatz gehen, Einkaufen, zur Strandpromenade (diese Liste lässt sich endlos weiter führen)- Vertrauen haben und zurückgeben, wissen, dass es sich lohnt, die Kinder in ihrer Selbstständigkeit zu unterstützen- immer wieder kleine und große Meilensteine… Erst Freitag als der Drittgeborene aus dem Schullandheim zurück kam, ein prüfender Blick meinerseits… War er gewachsen?
Unsere kleine Tochter wurde gestern 11Wochen alt- einfach so. Ich musste nicht viel dafür tun, nur zusehen- sie tragen, wickeln, kuscheln, stillen… Begleiten, einfach dasein. Sie ist eindeutig gewachsen und um manche Kleidung, die liegen bleibt, könnte ich auch kniepern, aber jetzt gehen die ersten dünnen Neugeborenen- Tücher, die ich kaufte, da war Zelda nur ein großer Wunsch geflüstert in den Wind. Tücher die ich sehnsüchtig anschaute, während ich über meinen runden Bauch strich und mir vorstellte, wie es sein würde, sie darin zu tragen. Die meisten dieser Tücher sind nichts mehr für unsere jetzigen Bedürfnisse, aber sie hatten ihre Zeit, ihren Einsatz. Jetzt heißt es sie loszulassen, das fällt mir nicht ganz so leicht, aber ist der Lauf der Dinge…

Zudem ist es wundervoll zu sehen, wie sie wächst, lacht, Laute von sich gibt, ihre Hände entdeckt, ihre Beine auf den Wickeltisch knallt, mit ihren großen Kulleraugen alles aufsaugt und so wach ist. Das ist alles so wunderschön, verliert auch in der Wiederholung nie seinen Zabuber und so lasse ich los und genieße die Reise- wie schon sechs andere Male und es bleibt einfach nur ein großes Geschenk, unsere Kinder ins Leben begleiten zu dürfen…

Romantik in der Ehe

Juni 16th, 2016

Er aufm Sprung die Kindergartenkinder wegzubringen, ruft ihr, ebenfalls mit Schulkindern aufm Sprung liebevoll zu: „Ich hab dir schon mal das Putzmittel hochgestellt, damit du dich mit Zelda nicht bücken musst!“ <3 #Vorbesuchsputzen

Unsere Telefonzelle

Juni 10th, 2016

Ein Relikt aus beinahe vergessenen Zeiten: die Telefonzelle. Ein kleiner viereckiger Kasten, der ausgestattet mit einer Tür etwas Privatsphäre bot. Abgelöst durch unsere Mobiltelefone, findet man kaum mehr eine solche in freier Wildbahn. Ausser bei uns. Wir haben unsere eigene Telefonzelle.
Denn nicht nur, dass schon der Gedanke ans blosse Telefonieren reicht, um mich zu stressen, gerade bei Familienfremden, ich es vermeide wo immer es nur geht und durch WhatsApp und Email ersetzt habe, ich kann gar nicht einfach so frei sprechen, weil etwas seltsames passiert, sobald ich etwas aus Plastik an mein Ohr halte: Es wird laut! Ganz plötzlich! Ich habe das nun über ein Jahrzehnt ausgiebig getestet und es stimmt, es geht nicht mehr. Sobald das Läuten verstummt und ich gespannt in den Hörer lausche, egal wie still es zuvor war, auf einmal wird gestritten, geschlagen, gefühlt erzählen ein dutzend Kinder wie ihr Tag war, der Feueralarm geht los, ein Sturm zieht auf, es klingelt ein Nachbar oder der Paketbote. Oder alles gleichzeitig. Und weil man ab und zu trotz Phobien telefonieren muss oder gerade deshalb und ich immer noch keinen Mothers Room habe, ging ich dazu über mich ins Gästelklo einzusperren. Und weil das so genial ist, so revolutionär sich in die hauseigene Telefonzelle zurückzuziehen samt Toilette, die anscheinend früher da draussen immer fehlte, anders kann ich mir diesen Geruch nicht erklären, sieht man in diesem Haus auch Menschen unter 30 mit dem Plastik am Ohr darin verschwinden, da oh Wunder, diese Wesen genauso wenig telefonieren können, weil Sturm, Paketbote, Feueralarm und fliegende Äffchen, wie die Menschen über 30 ;)

Von Reisepässen

Juni 7th, 2016

Sieben Wochen ist Zelda nun alt und am Montag stand meine Abschlussuntersuchung beim Frauenarzt an, sogar Blut nahm man mir noch mal ab. Seltsam war es, denn die Besuche waren in dieser zehnten Schwangerschaft spärlich ausgefallen. Schön war es hingegen mit Zelda da zu sein.
Im Vorfeld hatte ich mir wahnsinnig viele Gedanken gemacht, weil es das erste große Event wieder allein ohne Mann war, mit zwei kleinen Kindern einen (intimen) Arzttermin bewältigen, nach all den Wochen mit ihm. Würde Anton aus seinem Wagen raus wollen? Würde Zelda sich ablegen lassen, damit der Arzt sich etwas ansehen könnte? Sollte ich noch extra den Maxi Cosi mitnehmen, um sie kurz ablegen zu können oder aber würde es dieses eine Behandlungszimmer sein und so unkompliziert ablaufen wie ich mir das dachte?
Als ich dann dran war, staunte der Arzt nicht schlecht, dass Zelda doch auch so schwer bei ihrer Geburt gewesen gewesen war wie ihr Bruder und schien sich zu freuen, dass die geplante Hausgeburt geklappt hatte, danach hüpfte ich auf den Stuhl mit Zelda im Sling und Anton begann beim Geräusch des hoch fahrenden Stuhls zu schreien. Ich hatte Verständnis für mein Kind, dass das vielleicht ein oder zweimal erlebt hatte und nun Angst bekam, säuselte beruhigende Worte und schaute weder auf den grauweißen, flackernden Monitor noch auf den Arzt, der mit mir sprach, sondern nur zu meinem Kind in seiner lila Kinderwagenschale, die ihn schützend umgab.
Diese kurze Untersuchung war auch schnell geschafft und ich setzte mich noch einmal auf die Liege. Als der Arzt das Ultraschallgerät auf meinen Busen ansetzte, war es bei Anton vorbei, das war ihm alles zu unheimlich. Zelda lag hingehen völlig ausgeglichen auf der Liege und schlief weiter. Zufrieden übergab mir mein Arzt den Mutterpass mit den Worten: „Hier! Ihr Reisepass!“ Wie passend, dachte ich… Eine lange Reise lag nun hinter uns und Pässe, hätte ich von anderen Reise schon einige…
Ich solle erneut kommen, wenn ich wieder schwanger wäre, sagte der Arzt lächelnd, wobei ich hingegen nur das Gesicht meines Mannes vor Augen hatte (und vielleicht auch den einen Reisepass, der oben in einer Kiste liegt, für die anderen viel zu kurzen Reisen gab es keine Pässe)… Also fragte ich, wann die nächste Vorsorge wieder anstehen würde, in einem halben Jahr, so schnell wollte wenn denn dann keine weitere Reise planen… Das Kleinkind hatte sich derweil beruhigt, das kleine Mädchen gleitete schlafend wieder in den Sling, ganz nah zu mir und während ich die Praxis verließ, war ich stolz und froh, dass ich diesen Start in den Montag, in diese Woche so gut bewältigt hatte und alles bis auf das Schreien des Kleinkindes gut gewesen war und eine Stück weit, endete ein weiterer Abschnitt meines Lebens…